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Freitag, der 31. Mai 2002, 23:12 Uhr
Name: Dr. Dieter Schmidt, Bremen
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Frau Heike J. und ...

Sie kennen die Situation: Wir fahren in eine Kreuzung und sehen von rechts ein Auto kommen, dann schießt es uns durch den Kopf: "Na, das schaffe ich schon noch." Ein klassischer Fall von Selbstüberschätzung mit manchmal schweren Folgen - nur weil ein Gebot übertreten wurde. Die Zehn Gebote Gottes mit Verkehrsregeln zu vergleichen - geht das? Nimmt man dem Wort Gottes damit nicht den Ernst?

Die Gebote der Bibel wollen genau dies: Den Verkehr, den Umgang der Menschen untereinander, mit Gott und nicht zuletzt mit sich selbst regeln. Damit niemand zu Schaden kommt, damit alle gut leben können. Das gilt nicht nur für das fünfte und sechste Gebot "Du sollst nicht töten" und "Du sollst nicht ehebrechen". Es gilt auch und besonders für das Hauptgebot, das allen anderen als Überschrift und Grundlage voransteht: "Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus der Sklaverei befreit hat: Du sollst neben mir keine anderen Götter haben."

Wer sich an dieses Gebot hält, entgeht der Gefahr, statt des lebendigen Gottes etwas in den Mittelpunkt zu stellen, das nicht Leben und Freiheit gibt, sondern den Menschen versklavt und unterdrückt: Arbeit, Erfolg, Vergnügen oder ein Suchtmittel. Die nächstliegende und darum größte Gefahr, vor der das erste Gebot schützen will, ist dies: sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, alle Dinge nur auf sich zu beziehen, alle Menschen und die Beziehungen zu ihnen nur als Instrument für die eigene Befriedigung zu gebrauchen. Gott, der alles Leben geschaffen hat und der uns die Freiheit schenkt, er ist Mittelpunkt und Bezugsrahmen unseres ganzen Lebens, wenn wir mit Ernst Christen und Menschen sein wollen.

Alle anderen Gebote sind Folgen, Ableitungen aus diesem einen Gebot. Gott darf nicht für die eigenen Interessen benutzt, darf nicht zum Instrument gemacht werden. Das geschieht überall da, wo andere Menschen "im Namen Gottes" unterdrückt, bekämpft, gefangengehalten oder gar getötet werden. Das ist der "Mißbrauch" des Namens Gottes, den das zweite Gebot verbietet, nicht ein unbedachter Fluch oder ein Schimpfwort.

Weil Gott im Mittelpunkt steht und nicht meine Arbeit, deshalb darf - und soll! - ich Pausen machen, freie Tage einlegen, die der Besinnung und dem Feiern dienen. Zeiten, in denen ich die Beziehung zu Gott, zu meiner Familie und zu meinen Mitmenschen - und wiederum: nicht zuletzt zu mir selbst - pflegen und feiern kann. Und weil Gott mir durch die Liebe meiner Eltern das Leben geschenkt hat, bin ich es ihnen schuldig, sie zu versorgen und für sie da zu sein, wenn sie alt sind. Und weil Gott nicht nur mir, sondern allen Menschen das Leben geschenkt hat, darum darf ich keinem anderen Menschen das Leben nehmen, ja ich muß die Grenzen seiner körperlichen und geistigen Unversehrtheit beachten.

Gerade das letzte Beispiel führt uns zur Auslegung der Zehn Gebote durch Martin Luther. In seinem "Kleinen Katechismus" bilden die Zehn Gebote das erste "Hauptstück"; sie sind die Grundlage für das Zusammenleben in Familie, Kirche und Staat. Auch für Martin Luther war das erste Gebot Überschrift und Grundlage aller anderen. So legt er das erste Gebot aus: "Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen." Die Erklärung jedes weiteren Gebots beginnt er mit den Worten: "Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir" - das erste Gebot wird jedesmal mitgehört, wo eins der anderen Gebote genannt wird. Und Martin Luther legt Wert darauf, daß die Gebote, wenn sie auch in der Mehrzahl als Verbote formuliert sind, nicht nur eine bestimmte Handlung verbieten (etwa einen Menschen zu ermorden), sondern zu einer ganzen umfassenden Lebenshaltung anleiten wollen: Wir sollen unseren Mitmenschen "helfen und beistehen in allen Nöten".

Es geht bei den Geboten also nicht darum, bestimmte Handlungen zu unterbinden. Es geht vielmehr darum, das ganze Leben an Gott auszurichten - daß alle Menschen gut, in Freiheit und Frieden leben können. Diesen Sinn hat wohl auch die Radikalisierung der Gebote, die Jesus in der Bergpredigt (Mt 5) gibt. Es geht Jesus um die Einstellung, die wir zu unseren Mitmenschen und zu Gott haben. Es geht ihm um eine Lebenshaltung, die den anderen achtet und ihm ermöglicht, sein Leben sinnvoll und angemessen zu führen. Grundlage dieser Haltung ist wiederum das erste Gebot, das Jesus auch ausdrücklich als das "höchste" bezeichnet: "Du sollst lieben mit allem, was du bist und hast - und deinen Mitmenschen ebenso wie dich selbst" (Mt 22,37-40), und - so wird heute oft sinnvoller Weise hinzugefügt - deswegen sollst du auch dich selbst lieben.

Wer dieses Gebot hält, so meint Jesus, der braucht die anderen alle nicht. Damit sind wir wieder beim Straßenverkehr: Wenn es allen um einen reibungslosen Ablauf ginge und nicht nur darum, selbst als erster und schnellster voranzukommen, bräuchte es keine Verkehrsregeln. Nachdem wir aber Menschen sind, und nachdem Menschen zuerst an sich selbst denken, braucht es diese Regeln.

Zurück zu den Geboten: Könnten wir Gott lieben mit all unseren Kräften, mit Leib und Seele, mit dem Willen und dem Verstand, und unsere Mitmenschen und uns selbst dazu, dann bräuchte es all die Gebote der Bibel nicht. Dann wäre eingetreten, was die Propheten so ausgedrückt haben: Es kommt ein Tag, da wird Gott den Menschen sein "Gesetz in ihr Herz geben und in den Sinn schreiben". Dann wäre der Bund Gottes mit uns an sein Ziel gekommen.

So lange dieses Ziel aber noch nicht erreicht ist, sind die Gebote notwendig. Dabei geht es nicht nur um das dritte Gebot (Sonntagsarbeit). Sind nicht die meisten politischen Auseinandersetzungen ein einziger Verstoß gegen das achte Gebot (das Verbot der üblen Nachrede und Verleumdung)? Und ist nicht fast unser gesamtes Wirtschaftsleben auf der Werbung und damit auf dem Verstoß gegen das neunte und zehnte Gebot (Begehren!) aufgebaut?

Die Gebote sind alles andere als überholt. Und trotzdem: Was uns als erstes zu hören not tut, ist das wichtigste und zentrale Anliegen aller Gebote - daß wir Gott Gott sein lassen und ihn mit unserem Leben, unserem Verhalten, mit unseren Worten und Handlungen ehren. Ihn, den Gott, der alles Leben geschaffen hat und der die Freiheit aller Menschen von allen Zwängen will.

Freitag, der 31. Mai 2002, 22:51 Uhr
Name: Heike J.
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Ansonsten gibt´s für mich da keine "Rangfolge", die Gebote sind für mich alle gleichermassen zu beachten.

Ich denke, das 1. Gebot "Du sollst keine anderen Götter...." stand nicht ohne Sinn an Nummer Eins. Dies ist für die Religionen das wichtigste Gesetz, und besonders Verfehlungen gegen dieses Gebot werden in der Bibel ständig behandelt (und im AT mit Ausrottung behoben).

Gerade weil dieses Gebot so wichtig ist, können die 10 Gebote nicht zur Weltethik taugen. Es ist ein Intoleranzgebot.

Freitag, der 31. Mai 2002, 22:45 Uhr
Name: Ossi
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@ Rebecca E.

Welche wäre denn Deiner Meinung nach die Richtige?

Ich meinte mit "richtige Reihenfolge" die, die z.B. im Religionsunterricht gelernt wird. Sowas gab´s aber da, wo ich aufwuchs, nicht. Ansonsten gibt´s für mich da keine "Rangfolge", die Gebote sind für mich alle gleichermassen zu beachten.

Na hoffentlich bist Du auch in der Lage sie auch richtig zu interpretieren;-)

Was wäre denn Deiner Meinung nach richtig ?

... da ich offensichtlich als Einzelperson gegen eine riesige Gruppe von Gläubigen (bezogen auf Christen und ihre Bibel bzw. Heilige Schrift) in der Minderheit bin ...

Ich war oftmals in der DDR als Christ gegenüber Atheisten mit kommunistischer Weltanschauung und deren Dogmen und universellen Wahrheiten in der Minderheit. Trotzdem hab ich da keinen Wert auf Formalismus gelegt ("Wo steht das im Kommunistischen Manifest" ?), sondern meine eigene Meinung vertreten können.

Nun sind aber nicht alle Bibeln gleich. Deshalb ist es guter Usus, bei einem Zitat das Werk, den (die) Autor(en), die Auflage und die Version zu nennen. Und um das ganze noch Abzurunden, die Stelle in dem Werk noch anzugeben wo es anschließend zu finden ist (Seite, Stelle); damit sich die Gesprächspartner gegebenenfalls selbst ein Bild machen können.
Für ein kleines Gespräch ist das sicherlich etwas übertrieben, aber in einem niedergeschriebenen Text sollte es schon gelten. Vielleicht habe ich auch als nicht gläubige Person eine etwas andere Sichtweise, weil mir dieses Machwerk nichts bedeutet;-)

Ich halte das auch in einem geschriebenen Text im Bezug auf die Bibel (oder z.B. auch den Koran u.ä.) für übertrieben, da in fast allen Bibelausgaben sinngemäß das selbe steht (von Übersetzungsunterschieden und Formulierungen mal abgesehen). Es sollte also genügen, die Bibelstelle anzugeben und falls Du grossen Wert darauf legst, vielleicht noch die Übersetzung.

Das habe ich so nicht geschrieben. Wieso beleidigst Du mich?

Dich zu beleidigen, war keinesfalls meine Absicht und ich kann das auch in dem Zusammenhang nicht nachvollziehen. Aber wenn Du das so aufgefasst hast, bitte ich gerne um Entschuldigung.

Ich habe keine absolute Warheiten;-)

Ist vielleicht auch etwas unglücklich formuliert, aber was ich meinte war, dass jeder einige fest manifestierte Ansichten hat, von denen er nicht abrückt.

Kannst Du mir bitte erklären, wie Du Deine absolute Wahrheit von Deinem Gott bezogen hast?

Nein, erklären kann ich es nicht. Gott teilt sich in vielerlei Art und Weise mit, nicht nur über die Bibel. Ich habe meine Erfahrungen mit diesen Gott gemacht, habe andere Gläubige mit ähnlichen Erfahrungen getroffen, in der Bibel gelesen usw.- alles viele Mosaiksteinchen, die sich zur "Wahrheit" zusammenfügen oder diese untermauern.

Das ist es ja. Wenn von Schöpfung die Rede ist, verstehe ich das so, das der Christengott angeblich alles geschaffen haben soll. Dem ist aber nachweislich nicht so. Das Modell von der Welt und deren Entstehung ist im Christentum offentsichtlich nicht korrekt. Folglich gibt es auch keine Schöpfung.

Diese Argumentation ist ganz schön holprig. Wieso nachweislich ? Wieso offensichtlich ? Wer hat das nachgewiesen ? War jemand dabei ? Ich will mich hier nicht als Kreationist outen, weil ich keiner bin. Aber wer bei Bibelstellen den Verlag, die Ausgabe, das Erscheinungsjahr, die Seitenzahl usw. nachgewiesen haben möchte, der sollte m.E. seine Äußerungen auch belegen können.

Ich sehe es übrigens - um auf das Ausgangsproblem zurückzukommen - überhaupt nicht als Widerspruch an, wenn jemanden die anderen Wesen unserer Erde besonders achtet und schützt, weil er das ganze als Schöpfung begreift. Wenn jemand etwas "erschaffen" hat, habe ich doch mehr Achtung davor, als wenn irgendwas einfach da ist. Du würdest doch wahrscheinlich auch nie ein Werk eines anderen Menschen zerstören, weil Du weisst, wieviel Mühe und Phantasie ahintersteckt.

Es ist mir unbegreiflich, das etwas, was offentsichtlich nicht existiert, die Erde verschenken kann; wie sollte das jemals von statten gegangen sein? Wie habe ich das zu verstehen? Gehört(e) dem imaginären Christengott die Erde? Bin ich Eigentum des imaginären Christengottes, weil ich auf dieser Erde lebe bzw. weil Mitmenschen glauben das es Götter gibt? Warum beziehst Du Dich immer auf die Bibel, sie ist doch offentsichtlich nur ein Buch?

Das ist genau die Stelle, wo wir eigentlich nicht weiterdiskutieren brauchen, wir werden da wahrscheinlich nie einen gemeinsamen Nenner finden, weil wir von völlig verschiedenen Ausgangssituationen ausgehen: Für Dich ist Gott etwas, was "offensichtlich nicht existiert" (wieso eigentlich offensichtlich ?), etwas imaginäres und die Bibel nur ein Buch. Für mich ist Gott lebendig, wirklich da und die Bibel nicht irgendein x-beliebiges Buch, wie ein Lexikon. Das ist, als ob wir in verschiedenen Sprachen sprechen, wie sollen wir uns da verstehen ? Es gibt dann nur die Möglichkeit, zu akzeptieren, dass es mehrere Sprachen gibt oder man versucht die andere Sprache zu lernen.

Freitag, der 31. Mai 2002, 20:28 Uhr
Name: Frank
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Richtig, Affentheater ist das hier - aber die Frage ist, ohne daß ich die Affen beleidigen will, wer hier die Affen sind?????

Die Frage ist hier nicht wer die, sondern wer der Affe ist.

Freitag, der 31. Mai 2002, 18:43 Uhr
Name: Heike Jackler
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Herbert, das ist die Mühe nicht wert. Habe wesentlich Besseres zu tun. :-) Gleich mach ich z.B. mir einen leckeren Zatziki, setz mich in die Sonne und genieße das Leben.

Freitag, der 31. Mai 2002, 18:40 Uhr
Name: Herbert Ferstl
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Fakes wuerde ich einfach loeschen...

Freitag, der 31. Mai 2002, 18:36 Uhr
Name: Heike Jackler
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Da hier jeder weiß, dass ich solch lange Texte nicht poste, finde ich den Gebrauch meines Namens durch andere nur langweilig. Aber wenn euch die Argumente fehlen...

Freitag, der 31. Mai 2002, 18:10 Uhr
Name: Dr. Dieter Schmidt, Bremen
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"Religion ist ein Ort von Hoffnung"

Gespräch mit dem Psychotherapeuten Eugen Drewermann

Diesseits: Fühlen Sie sich heutzutage eher in der Rolle des Psychoanalytikers oder des katholischen Geistlichen?

Eugen Drewermann: Als katholischer Geistlicher, in dem Sinne wie ich bis 1991 Priester war, kann ich mich nicht fühlen. Mit der katholischen Kirche, die in meinen Augen einen fundamentalistischen Dogmatismus verwaltet, habe ich geistig und arbeitsmäßig große Schwierigkeiten, denn sie unterdrückt jede Aktivität, die sie nicht kontrollieren kann.

Ich sehe zwischen Psychotherapeuten und religiös existierendem Menschsein keinen Gegensatz. Ganz im Gegenteil. Ich glaube, das Christentum ist im Unterschied zum Judentum oder Islam, die Gesetzesreligionen sind, eine therapeutische Religion: Jesus hat, wie man beim Lesen im Neuen Testament sieht, nicht nebenbei, sondern ganz zentral, Menschen geheilt. Er schaffte es, von Gott so gütig zu sprechen, dass sich darunter die Angst im Menschen legte, die bis in die Seele, bis in den Körper hinein krankheitsverursachend wirken kann. Das müssten wir in unserem Jahrhundert dringend nachbilden, so dass eine Synthese dessen, was im 20. Jahrhundert Psychotherapie geheißen hat und dem was Religion werden könnte, mir überaus dringlich scheint.

Die Menschen haben an Kirche kein Interesse mehr, die mehr Neurosen produziert als heilt, und die statt Menschen zu befreien, ihnen einen äußeren Zwang auferlegt. Ein System der unfehlbaren Offenbarung und des absoluten Wissens. Man sollte nur auf die Amtsträger, die Bischöfe und den Papst hören, um zu wissen, was Gott gesagt hat. Das kann heute nicht mehr funktionieren. Aber eine Religion, die den Menschen mündig macht, die seine Person stärkt, die Freiheit ernst nimmt, die den Dialog unter den Menschen als einen kreativen Prozess der Erkenntnis versteht, hat Zukunft. Die möchte ich fördern in jeder Weise.

Diesseits: Warum dann aber Religion? So wie Sie Religion beschreiben, ist sie im Grunde Psychoanalyse, aber atheistisch-humanistisch. Wofür brauchen Sie und die Menschen die Vorstellung vom persönlichen Gott?

Eugen Drewermann: Der Atheismus - naturwissenschaftlich und auch im Werke Sigmund Freuds - ist mir überaus verständlich. Ich habe ein neues Buch heraus gebracht unter dem Titel "Und es geschah so" über das Verhältnis von Biologie und Theologie. Ich zeige darin, dass das Gottesbild der herkömmlichen christlichen Theologie Atheismus produzieren muss. Man hat die biblische Gottesvorstellung mit griechischer Naturphilosophie zusammengebracht und daraus ein metaphysisches Gottesbild abgleitet, nachdem Gott allweise, allgütig und allmächtig ist. Bei diesen Erwartungen kann die Enttäuschung nur dramatisch sein. Die Welt ist nicht gütig, alles andere als weise. Und unterliegt keinem durchgängigen Plan. Die Biologen können an jeder Stelle heute zeigen, dass das definitiv nicht der Fall ist. Nicht weil wir einiges nur noch nicht genau genug erkannt hätten, sondern weil wir es ziemlich genau kennen, wird das alte Erklärungsbild ad absurdum geführt. Zwischen dem Darwinismus, heute Pflicht im Biologieunterricht der Zwölfjährigen, und dem was sie in der Religionsstunde danach präsentiert bekommen, gibt es logisch einen diametralen Gegensatz. In den hinein greift der Atheismus völlig berechtigt.

Die DDR hat mit Leichtigkeit in ihrer Kulturpolitik diese Widersprüche ausnutzen können. Dasselbe Problem hatten wie in den westlichen Bundesländern aber ganz genauso. Über 500 verordnete Religionsstunden produzieren Atheismus. Je besser man die Religion begreift, desto weniger kann man verstehen, wie dies mit den Naturwissenschaften übereinstimmen soll und umgekehrt.

Was Sigmund Freud angeht, ist der Atheismus für ihn eine Erfahrungstatsache. Die Menschen kommen und reden von Gott. Je länger man mit ihnen spricht, je besser man sie begreift, wird deutlich, dass sie unter Gott die Ängste ihrer Kindertage verstanden haben, infantile Bindungen, verzweifelte Suche nach Liebe, die ständige Untertänigkeit unter Ersatzautoritäten. Das muss abgebaut werden und hat kein Recht mehr sich zu beglaubigen. Für mich hat Freud etwas geleistet so wie Elias, der die Götzen Kanaans bekämpft hat. Lauter vergegenständlichte Vorstellungen, die dann dem Menschen zum Zwangssystem werden. Mit einem Wort: Der Atheismus hat eine äußerst reinigende und wichtige Funktion. Er beantwortet aber nicht die Fragen, die wir Menschen wirklich haben. Wir Menschen wollen als Erstes gar nicht wissen, ob jene Hypothese in Physik oder Biologie zutrifft. Die Religion ist nicht nötig, um die Natur zu erklären, sie ist aber nötig, um die Welt und die Stellung des Menschen in ihr zu verstehen. Die Religion ist eine hermeneutische, keine naturwissenschaftliche Größe.

Diesseits: Wir haben aber auch noch Philosophie und Psychologie als therapeutisch erklärende Wissenschaften.

Eugen Drewermann: Eben. Da ist schon die Psychoanalyse in der Zwickmühle. Eben weil sie dem Menschen helfen kann und - Gott sei Dank - nicht das ist, was man Naturwissenschaft nennt. Denn dann könnte sie nicht helfen: Sie könnte bestenfalls ausweichen in Biochemie, dann aber täte sie den Personen Unrecht, die so behandelt werden. Die am Ende der biochemischen Keule wieder ihre Subjektivität, ihre Individualität zurückmelden müssen, um als Menschen gesund zu bleiben. Kurzum, wir haben, weil wir Individuen sind, einen Haufen von Fragen an die Natur, die in der Natur mit Mitteln der Naturwissenschaft nie beantwortet werden. Und diese Nullstellen sind wesentlich um Religion zu begründen. Es fängt ganz praktisch an. In der Psychoanalyse haben sie es mit Leuten zu tun, die den Glauben an sich selber längst verloren haben, die sich sicher fühlen, dass kein Mensch sie liebt und dass ihr Leben sinnlos ist. In diesem Fall kann man nur therapeutisch arbeiten, wenn sie an einen anderen Menschen mehr glauben als an sich selbst. Aber was die Psychoanalytiker dann tun, hat empirisch-naturwissenschaftlich nicht die leiseste Rechtfertigung. Sie hat auch im Rahmen der Logik der Natur keine Rechtfertigung. Sie wenden sich viele Jahre einem Individuum zu. Der Natur aber sind die Individuen egal, buchstäblich sind sie Überlebensmaschinen für den Egoismus der Gene. Aber keine Wesen, die man schützen, erhalten oder pflegen müsste. Kurz: Die Psychoanalyse - oder welche Art von Therapie auch immer - erweist sich als menschlich darin, dass sie den Unterschied zu den Naturwissenschaften betont. Das, was wir tun, ist gebunden an den Glauben, dass Personsein, Subjektivität, Individualität und Liebe unendlich viel mehr ist, als alles, was in der Natur sich findet. Dieses Legitimationsdefizit für das, was wir tun, wenn wir Menschen sind, kann uns eigentlich nur die Religion geben.

Diesseits: Ist für Sie die Bibel ein offenbartes Wort Gottes? Oder ist sie eine kulturhistorische Leistung der Menschen auf ihrem Weg zum Menschsein, in der viele Ängste und Probleme von Menschen aufgegriffen werden?

Eugen Drewermann: Das beides ist dasselbe. Ich glaube nicht, dass Offenbarung sich verstehen lässt in der Art, dass da von außen irgend jemand durch ein unsichtbares Mikrofon geraunt hätte. Nein, Offenbarung besteht darin, dass Menschen die Rollos hochziehen und die Sonne hineinlassen. Das sind Menschen, die sich durch die Angst nicht ins Bockshorn jagen lassen, sondern die Angst widerlegen, sich nicht verheddern in den immer gleichen Reaktions- und Fluchtschemata, sondern kreativ darüber hinausblicken. Das tut Buddha. Er widerlegt das Leid durch seine Stille. Das tut Jesus. Er widerlegt den Hass durch seine Liebe. Das sind Schritte zum Menschsein und Offenbarungen. Die Bibel ist kein historisches Informationsbuch. Das wusste schon Spinoza. Das ist wirklich nicht neu. Man kann Gott nicht vergegenständlichen, ohne Aberglauben zu züchten. Die Weihnachtserzählung ist nicht historisch. Sehr wichtig wäre es zu zeigen, dass es wunderbare Symbole sind, in der Nacht das Licht zu sehen und inmitten der Stalinorgeln den Gesang der Engel zu hören, da wo im Grunde nichts ist als die übliche Armut, die Ankunft eines Gottessohnes zu erblicken: Das sind Wahrnehmungen des Herzens. Das wusste nun schon Meister Eckhard im 14. Jahrhundert. Theologen sollten nach einem halben Jahrtausend nicht immer noch denselben Unsinn quatschen. Entweder ist etwas real, weil es hier ist, wie eine Tasse Kaffee, oder irreal - und dann ist es nur phantasiert. Menschsein besteht darin, Träume zu haben, die wirklicher sind, als die gottverdammte Wirklichkeit. Religiöse Visionen widerlegen das, was wir wirklich nennen. Nur deshalb ist Religion ein Ort von Hoffnung.

Diesseits: Dann ist Gott nur irreal?

Eugen Drewermann: Dann ist Gott Teil der Subjektivität, die wir brauchen, um als Subjekte zu leben. Er ist das absolute Subjekt. Die ganze Theologie des 20. Jahrhunderts hat eigentlich nur einen einzigen Glaubenssatz: Gott ist das Subjekt, das nie zum Objekt wird. Darin hat sie Recht.

Diesseits: Fühlen Sie sich eigentlich wohl bei den reformierten Protestanten, wo sie die katholische Kirche doch als sehr reformbedürftig ansehen?

Eugen Drewermann: Ich weiß nicht, ob diese Gegensätze noch einen Sinn machen. Darum sag ich: Wir sollten Protestanten werden, um Katholiken bleiben zu können. Aber ich sag´ auch: Wir sollten Buddhisten werden, um bessere Christen zu sein.

Eugen Drewermann, katholischer Theologe und Psychotherapeut, lehrte von 1979 bis 1991 als Privatdozent an der Katholischen Theologischen Fakultät Paderborn. Seine zahlreichen Publikationen reichen von Märcheninterpretationen bis hin zu theologischen Kommentaren. Auf Grund seiner Kirchenkritik erhielt er 1991 Lehrverbot. 1992 wurde ihm das Predigen und die priesterliche Tätigkeit ebenfalls untersagt.

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Das Gespräch mit Eugen Drewermann führte Ulrich Tünsmeyer.

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