Gästebuch
Wir freuen uns über (fast) jeden Eintrag in unserem Gästebuch. Nutzen Sie einfach das untenstehende Formular. Diskussionen sollten, sofern ein passendes Forum vorhanden ist, in unsere Diskussionsforen verschoben werden. Pöbeleien und Werbung sind nicht erwünscht, HTML-Tags werden in Text umgewandelt. Kursiv-Formatierung mit *Sternchen*, Fett mit _Unterstrichen_. (Sternchen sind daher als **, Unterstriche als __ zu maskieren.)

Name:
E-Mail:
Homepage:

Samstag, der 1. Juni 2002, 00:43 Uhr
Name: Dr. Dieter Schmidt, Bremen
E-Mail: keine E-Mail
Homepage: keine Homepage

Im achten Kapitel des Markusevangeliums wird erzählt, wie sich Jesus eines Tages mit seinen Jüngern in das Gebiet von Cäsarea Philippi zurückzieht. Dort fragt er: »Für wen halten die Leute mich?« Die Jünger referieren die gängigen Meinungen: Die einen halten Jesus für den wiedergekommenen Täufer Johannes, andere für den Propheten Elia, dessen Wiederkehr man vor dem Kommen des Messias erwartete. Andere meinen, Jesus sei die Reinkarnation eines anderen Propheten. Dann aber stellt Jesus den Jüngern die Gretchenfrage: »Für wen haltet ihr mich denn?« Und Petrus wagt das Bekenntnis: »Du bist der Messias, der versprochene Retter!« Seither ist die Frage nie mehr verstummt, wer Jesus war oder ist. Es ist ja offenkundig, daß er ein Mensch war wie wir, daß er Hunger und Durst hatte, gelacht und geweint hat, in Zorn geraten konnte und einen brutalen Tod erlitten hat. Andererseits hatte er Kräfte und eine Ausstrahlung, die weit über das hinausging, was man je zuvor an einem Menschen wahrgenommen hatte. Darüber hinaus hat er sich in einer Weise mit Gott identifiziert, die entweder gotteslästerlich war (so sahen es die herrschenden jüdischen Kreise seiner Zeit) oder ein Hinweis dafür, daß Gott in diesem Menschen unvergleichlich gegenwärtig war.

Die Erscheinungen des Auferstandenen nach Ostern bestärkten die Jünger darin, daß Gott selbst in Jesus Christus den Menschen erschienen ist. Man übertrug den Gottestitel »Herr« auf ihn und bezog alttestamentliche Texte, in denen Gott als »Herr« angeredet wurde, auf Jesus Christus. Und man begann, Jesus Christus im Gebet anzurufen. »Maranatha! - Unser Herr, komm!« ist eines der ältesten Christusgebete.

Dennoch kam jahrhundertelang die Frage nie ganz zur Ruhe, wie man sich das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen Jesus von Nazareth zu denken hat. Vergröbert kann man sagen: Die einen betonten die Menschlichkeit Jesu, der von Gott mit besonderen Kräften begabt gewesen sei und den Gott gleichsam »adoptiert« habe. Die anderen betonten seine Göttlichkeit und rangen mit der Frage, ob sich der unendliche Gott in einem endlichen Menschen verkörpern kann. Eine verbreitete Lösung war die Vorstellung, der göttliche Christus habe nur einen Scheinleib gehabt und diesen vor dem Kreuzestod wieder verlassen, weil Gott nicht sterben könne.

Die Auseinandersetzungen wurden verbissen geführt und kräftig mit kirchenpolitischen Interessen vermischt. Das Konzil von Nizäa (325) formulierte die »Wesensgleichheit« von Christus und Gott; das Konzil von Chalcedon (451) fügte hinzu, daß Christus dennoch wesensgleich mit uns Menschen ist. Beide »Naturen« sind in Jesus Christus »unvermischt« und »ungetrennt« vorhanden. Gleichzeitig wird Jesus Christus in die eine göttliche Person aufgenommen.

Damit ist der Grundstein zur komplizierten christlichen Lehre vom dreieinigen Gott (Vater, Sohn und Heiliger Geist) gelegt, an der sich bis heute die traditionelle Logik reibt. Für den Islam beispielsweise, der Jesus als Propheten hoch verehrt, ist diese Auffassung gotteslästerlich, weil sie aus dem einen Gott drei Götter mache. Erst in unserem Jahrhundert wird die Denkleistung der frühen Kirche ausgerechnet von naturwissenschaftlicher Seite gewürdigt. In der modernen Physik hat sich die Einsicht durchgesetzt, daß bestimmte Phänomene nur durch sogenanntes komplementäres Denken beschrieben werden können. Das bedeutet, man muß zwei sich scheinbar widersprechende Aussagen machen, um einem Sachverhalt gerecht zu werden. So erscheint das Licht in bestimmten Experimenten als »Welle«, in anderen scheint es aus »Teilchen« zu bestehen. Man würde das Licht nicht angemessen beschreiben, würde man es nur als nichtmaterielle Welle oder nur als Ansammlung gleichsam materieller Teilchen definieren. Die altkirchliche Lehre von den »zwei Naturen« Jesu Christi war geistesgeschichtlich der erste geniale Versuch einer »komplementären« Definition. Die uralte Spannung bleibt bis heute bestehen. Als ich meine Konfirmandinnen und Konfirmanden bat aufzuschreiben, wer Jesus für sie ist, haben sie vor allem ihre Bewunderung für seine Menschlichkeit ausgedrückt: »Ich finde gut, daß er sich immer an der richtigen Stelle eingesetzt hat.« - »Er ist wie ein Arzt und wie ein Psychiater in einer Person.« Einer zweifelt daran, daß Jesus »so perfekt war, wie in der Bibel erzählt wird«, und ein anderer schreibt: »Er ist ein ganz normaler Mensch, der auch Probleme hat.« Andere sehen ihn nicht nur als historische Figur, sondern als einen »Freund, der alles über mich weiß« und der auch heute helfen kann: »Ich glaube, daß Jesus jedem seine Fehler vergibt, auch wenn sie noch so groß sind. Ich glaube, daß Jesus jedem beisteht, auch wenn er mit Kirche nicht viel zu tun hat.« Freilich gibt es auch Zweifel am Glauben an die Macht Christi: »Manchmal zweifle ich daran, daß er uns Frieden und Liebe gibt, da es auf der ganzen Welt Kriege, Armut, Hunger und Leid gibt.« Ein Problem für den heutigen Dialog der Religionen stellt die Frage nach dem exklusiven Anspruch Jesu Christi dar, wie ihn die traditionelle kirchliche Lehre mit Berufung auf das Johannesevangelium erhebt. »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als durch mich.« Bedeutet das, daß es außerhalb der Kirche, die Jesus Christus als Gottes Sohn und Heiland bekennt, kein Heil gibt?

Der katholische Theologe Karl Rahner hat versucht, diese Frage zu lösen, indem er von einem »anonymen Christentum« redet: Es gibt Menschen, die den Weg Jesu gehen, ohne ihn als Gott zu bekennen. Daß es andererseits viele gibt, die Jesus »Herr!« nennen, aber seinen Willen mißachten, das weiß schon das Neue Testament.

Wichtig erscheint mir, daß die Kirche die Einzigartigkeit Jesu nicht mit eigenen Exklusivitäts- und Machtansprüchen vermischt. Der Franziskanerpater Richard Rohr hat es so formuliert: »Wir Christen haben eine exklusive Beziehung zu einem Herrn, der seinem Wesen nach inklusiv ist.« Mit anderen Worten: Wer sich auf Jesus einläßt, bekommt es mit einem zu tun, der niemanden ausgrenzt, der für konfessionelle Grenzziehungen und Selbstgerechtigkeit nichts übrig hat. Immer wieder lobt der Jesus der Evangelien den »Glauben« von Menschen, die kein korrektes Bekenntnis ablegen, sich aber in ihrer Not vertrauensvoll an ihn wenden. Eine Kirche, die sich von der Menschenliebe und Weltoffenheit Jesu inspirieren läßt, wird mehr Menschen für Jesus Christus gewinnen als eine, die eine komplizierte Glaubenslehre exklusiv verwaltet. Wir können die Frage, wer »drinnen« ist und wer »draußen«, Gott selbst überlassen. Sonst könnte sie sich schnell gegen uns selbst wenden.

Mutter Teresa ging davon aus, daß Christus in den Armen gegenwärtig ist. Deswegen hat sie nicht gepredigt, sondern Jesus in ihren bedürftigen Mitmenschen einfach geliebt. Wenn wir glauben, daß Christus längst vor uns bei den Menschen ist, die seinen Namen (noch nicht) kennen oder bekennen, dann können wir seine Liebe unverkrampfter und ohne Druck bezeugen.

Samstag, der 1. Juni 2002, 00:41 Uhr
Name: Jacob Alberts, Westerhever
E-Mail: keine E-Mail
Homepage: keine Homepage

Jesus verkündete das Reich Gottes - gekommen ist die Kirche.« In diesem Satz von Alfred Loisy ist das Dilemma der Kirche prägnant zusammengefaßt: In den Evangelien predigt Jesus seinen Jüngern, daß der Anbruch des Reiches Gottes unmittelbar bevorsteht. Von der Kirche ist nicht die Rede. Was ist die Kirche? Ein 2000 Jahre altes Mißverständnis oder die »Gemeinschaft der Heiligen«, wie sie im Apostolischen Glaubensbekenntnis genannt wird?

Liebe Leute, das frage ich mich auch: Was ist Kirche????

Samstag, der 1. Juni 2002, 00:38 Uhr
Name: Ewald Mengers, Stollhamm
E-Mail: keine E-Mail
Homepage: keine Homepage

Die Trennlinie läuft heute nicht zwischen Wissenschaft und Glaube, sondern zwischen falschem und rechtem Glauben. Wenn Naturwissenschaftler glauben, modernes Wissen könne Glauben ersetzen, so sind sie irrgläubig und wenn Glaubende glauben, kraft ihres Glaubens wüssten sie alles besser, dann sind sie abergläubisch. Glaube kann keine Wissenschaft ersetzen und Wissenschaft keinen Glauben. Beides steckt unauslöschlich in uns.

So, Herr Dr. Schmidt sehe ich das auch. Bin gespannt, was die "Humanisten" dazu zu sagen haben.
Viele Grüße nach Bremen

Freitag, der 31. Mai 2002, 23:17 Uhr
Name: Dr. Dieter Schmidt, Bremen
E-Mail: keine E-Mail
Homepage: keine Homepage

Fortsetzung:

Jesus verkündete das Reich Gottes - gekommen ist die Kirche.« In diesem Satz von Alfred Loisy ist das Dilemma der Kirche prägnant zusammengefaßt: In den Evangelien predigt Jesus seinen Jüngern, daß der Anbruch des Reiches Gottes unmittelbar bevorsteht. Von der Kirche ist nicht die Rede. Was ist die Kirche? Ein 2000 Jahre altes Mißverständnis oder die »Gemeinschaft der Heiligen«, wie sie im Apostolischen Glaubensbekenntnis genannt wird?

In der christlichen Tradition gilt Pfingsten als die Geburtsstunde der Kirche: Die Apostelgeschichte des Lukas berichtet, daß die Jünger nach Auferstehung und Himmelfahrt Jesu lange nicht den Mut fanden, öffentlich zu erzählen, was sie erlebt hatten. Erst der Heilige Geist verhalf der Sache Jesu zum Durchbruch: Wie ein Feuer fiel er auf die Jünger und trieb sie an, die Auferstehung Jesu zu verkünden. Von da an, so die Apostelgeschichte, nahm die Mission ihren Lauf und erfaßte Jerusalem und Palästina, Griechenland und schließlich auch Rom, die Hauptstadt der damaligen Welt. Ein Name ist besonders mit der Missionierung der Völker verbunden: Paulus. Gegen den Widerstand mancher seiner christlichen Mitbrüder verbreitet der Apostel das Evangelium über das jüdische Volk hinaus bis in den griechisch-römischen Kulturkreis.

In den Briefen an seine Gemeinden beschreibt Paulus, was er unter Kirche versteht. Er verwendet vor allem zwei Begriffe: Zum einen spricht er die Gemeinden als »Volk Gottes« an. Er knüpft damit an die Geschichte Israels mit seinem Gott an und stellt die Kirche in die Kontinuität der alttestamentlichen Heilsgeschichte. Zum anderen prägt Paulus im 1. Korintherbrief das Bild von der Gemeinde als dem »Leib Christi«. Was die verschiedenen Menschen zu einer Gemeinschaft zusammenschweißt, ist ihre Beziehung zu Christus. Gemeinsam sollen sie als die »Kinder des Lichts« (1 Thess 5,5) in der Welt ein Zeichen für das Wiederkommen Christi sein. Paulus erwartet, daß Christus noch zu seinen Lebzeiten wiederkommen wird.

Das Warten auf das Wiederkommen Christi dauerte, und die Kirche richtete sich in der Welt ein. Zur Wahrung des rechten Glaubens gab sie sich Ämter und Strukturen. Sie wurde zu einer Größe innerhalb des römischen Reiches, ab der »konstantinischen Wende« 324 zur Staatsreligion. Immer wieder wurde um das rechte Verständnis der Kirche gestritten. Auch der Reformation ging es darum, was die wahre Kirche Jesu Christi ausmacht. Die Confessio Augustana bestimmt in Artikel 7 die Kirche als »die Versammlung aller Gläubigen (...), bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden«. Das Evangelium von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade, die Rechtfertigungslehre also, ist das Kriterium, mit dem die Kirche steht oder fällt. Damit hat die Confessio Augustana einen Spielraum geschaffen. »Ecclesia semper reformanda« - die Kirche ist immer zu reformieren, das ist die Einsicht der Reformation.

In unserem Jahrhundert hat die Barmer Theologische Erklärung von 1934 das Kirchenverständnis entscheidend geprägt. Gegen die Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus proklamiert sie Christus als den einzigen Herrn der Kirche. Dem Anspruch Christi soll die Kirche in Botschaft und Ordnung entsprechen.

Was ist heute aus der Kirche geworden? Sie ist eine Institution in der deutschen Gesellschaft. Sie ist »Volkskirche« und rekrutiert ihre Mitglieder durch die Kindertaufe. Und: Sie befindet sich in der Krise. Sie zeigt alle Krisenerscheinungen eines groß gewordenen Unternehmens: Mitgliederkrise, Finanzkrise, Motivationskrise, Orientierungskrise. So zahlreich wie die Symptome sind die Programme zu ihrer Rettung.

Das bekannteste ist in Bayern das »Evangelische München-Programm«, das die Landeskirche in Zusammenarbeit mit dem Unternehmensberater McKinsey entwickelt hat. Als Lösungsrezept empfiehlt das Programm ein dreifaches »Ja«: Ja zum Glaubensthema, Ja zur Kirche als Institution, Ja zu professionellen Methoden.

Neben aller Professionalität und Ja-Sagerei stellt das »Evangelische München-Programm« zwei Dinge in den Mittelpunkt: Zum einen muß sich die Kirche auf ihren ureigenen Auftrag konzentrieren: auf die »Kommunikation des Evangeliums«, wie es Ernst Lange formuliert hat. Das Evangelium ist die Verheißung, daß wir durch Gottes Handeln in Christus von Schuld und den Ängsten der Welt befreit sind.

Zum anderen schärft das Programm ein, daß es auf die einzelnen Gemeinden ankommt. Sie sind die Chance der Kirche. Wenn es den Gemeinden gelingt, lebendige Gemeinschaften mit wachen Augen für die Probleme ihrer Mitmenschen zu sein, dann kann die Kirche ein Licht für die Gesellschaft werden.

Die Kirche kann sich heute nicht mehr allein auf einen festen Kern von Mitgliedern in ihren Gemeinden stützen. Aber sie wird dort zur Kirche, wo sie sich für die Bedürfnisse und Nöte der Menschen öffnet. Das geschieht nicht nur innerhalb der Ortskirchengemeinde. Kirche wird dort zur Kirche, wo sie Menschen in den Übergängen und Tiefen ihres Lebens mit Gottes Kraft zur Seite steht. Das Evangelium selber verweist die Kirche auf ihren Platz: Sie stehe dort, wo Menschen an den Rand der Gesellschaft geraten sind. Wie Jesus selber muß die Kirche bereit sein, sich in die Abgründe menschlicher Existenz zu begeben. Dietrich Bonhoeffer beschrieb diesen Auftrag der Kirche so: »Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.«

Der Auftrag der Kirche ist kein Abstraktum. Er hat einen konkreten Ort: Das Abendmahl ist die Erinnerung, daß sich Gott mit den Menschen verbunden hat. Beim Abendmahl wird die Versammlung der Gläubigen zur Gemeinschaft der Heiligen. Das heißt: Wir feiern die Verheißung des Reiches Gottes. Es ist, als ob in jedem Gottesdienst Pfingsten gefeiert wird, die Geburtsstunde der Kirche.

Freitag, der 31. Mai 2002, 23:14 Uhr
Name: Dr. Dieter Schmidt, Bremen
E-Mail: keine E-Mail
Homepage: keine Homepage

Fortsetzung:

"An dem Tage, an dem ihr vom Baum esst, werden eure Augen aufgetan und ihr werdet wie Gott", spricht die Schlange zu Adam und Eva im Garten Eden. Klug rührt sie an den edlen und unheimlichen Leidenschaften des Menschen: entdecken und erkennen, wissend werden. Mehr noch: Allwissend zu sein! (Faust: Zwar weiß ich viel, doch möchte ich alles wissen). Soweit sich die Menschheitsgeschichte zurückverfolgen lässt, suchen, sammeln und schaffen Menschen Wissen. Nichts anderes besagt der Begriff Wissenschaft. Wer Wissen schafft, gewinnt Macht. Macht über die Natur, Macht über den Weltraum, Macht über die Moral und Macht über andere Menschen. Und vielleicht einmal auch Macht wie der allmächtige Gott. Das entzündet und schürt zugleich gute und böse Leidenschaften. Die Schlange wusste genau, womit sie locken konnte.

In der Menschheitsgeschichte gab es Augenblicke, in denen in besonderer Weise den Menschen "die Augen aufgetan wurden". In der Bibel finden sich verdeckt und offen Reste und Widerschein dieser gewaltigen Wissens- und Machtaufbrüche. In der Paradiesgeschichte schwingt spürbar nach, welch Glück es bedeuten musste, plötzlich in einem Garten wohnen zu dürfen. Ein bepflanzter Garten, das war das Paradies! Jetzt war das Heil angebrochen. Gott selbst ging hier spazieren. Einige tausend Jahre später dann der Turmbau zu Babel. Vor lauter "Turm" übersehen wir, dass diese Geschichte in kurzen Worten den Bau einer ersten Stadt widerspiegelt. Noch nie Dagewesenes auf Erden ersteht. Dämme und Kanäle, Pyramiden, Tempel und ein Heer, das die Feinde abwehrt. Die Türme erreichen den Himmel.

Dann noch ein gewaltiger Schritt mit der Herausbildung der Naturwissenschaften, der Technik und der Industrie. Der Fortschrittsglaube erfasste vor hundert Jahren die Menschen wie ein Sturmwind. Es fehlt nicht mehr viel zum Heil der Menschheit. Forschen wir weiter, dann brauchen wir Gott nicht mehr. Die französische Revolution hat ihn gestürzt und die Göttin der Vernunft eingesetzt. Im Zentrum von New York baute Rockefeller seinen Wolkenkratzer. Auf die Wände der riesigen Eintrittshalle ließ er die Bilder des kommenden Heils malen. Eines zeigt eine gekreuzigte Frau, Symbol der Menschheit, sie hängt zermartert am Kreuz, Techniker, Ärzte und Monteure eilen herbei, heben sie vom Kreuz. Endlich wird die Menschheit von allem Kreuz und Elend erlöst werden. Wir haben das Wissen dazu. Gott hat nicht geholfen, jetzt helfen wir uns selbst.

Die Schlange wusste, womit sie die Menschen verführen konnte, nicht mit Bosheiten, sondern mit dem edelsten Wunsch, den Menschen verspüren: Die Welt zu heilen. Die Schlange verschwieg nur dies: Dass wir sterblich sind. Das Wissen darum ist unangenehm, weil es unsere Ohnmacht aufdeckt. Im Paradies des Gartens zog der Tod ein: Du sollst wieder zu Erde werden! In den Städten ließ sich Unsterblichkeit trotz Tempel und Türmen und König, Mumifizierung und gefüllter Gräber nicht einfangen. Auch unsere moderne Wissenschaft kann es nicht. Aus dem Traum der Allmacht wird der Alptraum der Ohnmacht. Unser Wissen ist Stückwerk (1. Kor. 13,9). Wer vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, muss Gut und Böse wahrnehmen.

Dunkelheit und Nichtwissen machen Angst. So haben frühere Forscher versucht, hinter die Natur zu schauen (griechisch: Metaphysik). Als das Filmen erfunden worden war, wollte ein Missionar seiner schwarzen Gemeinde in Afrika damit imponieren und filmte im Dorf. Nach Monaten kam der Film entwickelt zurück und wurde allen vorgeführt. Auf der Leinwand erschienen auch drei Dorfbewohner, die in der Zwischenzeit gestorben waren. Als die Leute das sahen, standen sie auf und schauten hinter die Leinwand. Wenn vorne etwas erscheint, das unverständlich ist, drängt es die Menschen hinter die Natur zu schauen.

Die Trennlinie läuft heute nicht zwischen Wissenschaft und Glaube, sondern zwischen falschem und rechtem Glauben. Wenn Naturwissenschaftler glauben, modernes Wissen könne Glauben ersetzen, so sind sie irrgläubig und wenn Glaubende glauben, kraft ihres Glaubens wüssten sie alles besser, dann sind sie abergläubisch. Glaube kann keine Wissenschaft ersetzen und Wissenschaft keinen Glauben. Beides steckt unauslöschlich in uns.

Glauben ist keine Erfindung der Christen, sondern eine Gabe Gottes in uns, Licht in der Dunkelheit zu suchen. Was Religion kann, ist Landkarten des Lebens zeichnen und Wege weisen. Gehen muss jeder selbst. Das Leben ist der Lehrmeister, der jedem beibringt, was sein Glaube wert ist. Unser christlicher Glaube bietet den Menschen sehr gute Landkarten und Wegweisungen an, die keiner ungeprüft wegwerfen sollte:

Erstens verknüpft unser Glaube unsere sichtbare Natur mit einem Gott und Schöpfer, obwohl ihn keiner je gesehen noch gefasst hat. Keine Macht hat es bisher geschafft, diese Verbindung aufzulösen, auch nicht die Schlange aus dem Paradies. In anderen Religionen verknüpfen die Menschen die Natur mit Geistern und Dämonen, mit schwarzer Magie und Zauberei. Einige moderne Naturwissenschaftler verknüpfen die Natur mit Sinnlosigkeit oder mit dem Bild komplizierter Maschinen. Wir glauben an einen Schöpfer.

Zweitens verknüpft unser Glaube unseren Mut und unser Vertrauen, das wir in der Dunkelheit brauchen, mit Gottes Liebe und Barmherzigkeit, und macht aus Menschenvertrauen Gottvertrauen. Heidnische Religionen verknüpfen Gott mit Angst, Blutopfern und blinden Gehorsam. Wir glauben an den Gott der Liebe.

Drittens verknüpft unser Glaube Krankheit, Leiden, Sterben mit dem Rabbi Jesus von Nazareth am Kreuz. Niemand nimmt ihn dort vom Holz ab. Seine Gegner rufen ihm zu: Hilf dir selbst und steig herab vom Kreuz! Niemand steht bei, auch Gott nicht. Mit diesem Ereignis verbinden wir die Befreiung von der Angst, auf Erden den Himmel selbst machen zu müssen. Jeder menschliche Himmel hat noch immer seine Hölle erzeugt. Gott lässt sein Reich selbst kommen. Leiden und Sterben erhalten mit dem Kreuz einen neuen Wert, sie sind nicht Siegeszeichen des Todes, sondern Wegmarken zurück zu Gott.

Viertens verknüpft unser Glaube unser Leben mit dem Heiligen Geist. Das besagt, dass aus seiner Welt, die wir nicht einsehen können, er in ihm uns immer wieder besucht, begleitet, zurechtweist, führt, tröstet und rettet. So wächst der rechte Glauben heran, schafft Wissen, lernt Hoffen, Glauben und Lieben, bis Gott unser Wissen und unser Nichtwissen verwandelt in göttliche Weisheit, so wie er auf der Hochzeit zu Kana aus Wasser Wein machte.

Gästebuch-Archiv
263 | 262 | 261 | 260 | 259 | 258 | 257 | 256 | 255 | 254 | 253 | 252 | 251 | 250 | 249 | 248 | 247 | 246 | 245 | 244 | 243 | 242 | 241 | 240 | 239 | 238 | 237 | 236 | 235 | 234 | 233 | 232 | 231 | 230 | 229 | 228 | 227 | 226 | 225 | 224 | 223 | 222 | 221 | 220 | 219 | 218 | 217 | 216 | 215 | 214 | 213 | 212 | 211 | 210 | 209 | 208 | 207 | 206 | 205 | 204 | 203 | 202 | 201 | 200 | 199 | 198 | 197 | 196 | 195 | 194 | 193 | 192 | 191 | 190 | 189 | 188 | 187 | 186 | 185 | 184 | 183 | 182 | 181 | 180 | 179 | 178 | 177 | 176 | 175 | 174 | 173 | 172 | 171 | 170 | 169 | 168 | 167 | 166 | 165 | 164 | 163 | 162 | 161 | 160 | 159 | 158 | 157 | 156 | 155 | 154 | 153 | 152 | 151 | 150 | 149 | 148 | 147 | 146 | 145 | 144 | 143 | 142 | 141 | 140 | 139 | 138 | 137 | 136 | 135 | 134 | 133 | 132 | 131 | 130 | 129 | 128 | 127 | 126 | 125 | 124 | 123 | 122 | 121 | 120 | 119 | 118 | 117 | 116 | 115 | 114 | 113 | 112 | 111 | 110 | 109 | 108 | 107 | 106 | 105 | 104 | 103 | 102 | 101 | 100 | 99 | 98 | 97 | 96 | 95 | 94 | 93 | 92 | 91 | 90 | 89 | 88 | 87 | 86 | 85 | 84 | 83 | 82 | 81 | 80 | 79 | 78 | 77 | 76 | 75 | 74 | 73 | 72 | 71 | 70 | 69 | 68 | 67 | 66 | 65 | 64 | 63 | 62 | 61 | 60 | 59 | 58 | 57 | 56 | 55 | 54 | 53 | 52 | 51 | 50 | 49 | 48 | 47 | 46 | 45 | 44 | 43 | 42 | 41 | 40 | 39 | 38 | 37 | 36 | 35 | 34 | 33 | 32 | 31 | 30 | 29 | 28 | 27 | 26 | 25 | 24 | 23 | 22 | 21 | 20 | 19 | 18 | 17 | 16 | 15 | 14 | 13 | 12 | 11 | 10 | 9 | 8 | 7 | 6 | 5 | 4 | 3 | 2 | 1

Copyright © 1999, Der Humanist (Gästebuch entwickelt von Erik Möller) - Copyright © der Einträge bei ihren Autoren