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Mittwoch, der 6. Februar 2002, 12:04 Uhr
Name: Dr. Dieter Schmidt, Breme
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60 Jahre nach der "Kristallnacht":

Nischen-Nazis mit Staatsgeld

Im Schutz von SPD-Politikern, als Körperschaften des öffentlichen Rechts getarnt, sind
Nachfolger der Hetzer von damals weiterhin aktiv

Im einen Bundesland nennt der Verfassungsschutz einen ihrer Ideologen als wichtigen Modernisierer des Rechtsextremismus namentlich, im anderen Bundesland erhalten sie aus einem Staatsvertrag Steuergelder zur Finanzierung ihrer Propaganda. Von der Geschichtsforschung und Politikwissenschaft bislang kaum beachtet, werden nun durch die Arbeit von Antifa-Initiativen immer mehr Details über die Mitgliedsorganisationen des "Dachverbandes Freier Weltanschauungsgemeinschaften" (DFW) bekannt. Nadelstreifen-Nazis pflegen unter dem Deckmantel der "Religionsgemeinschaft" die Ideologie, die zu den größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte führte.

Ihre Zeitschriften heißen "unitarische blätter", "Wege ohne Dogma" oder "unitarische hefte"; hier meldeten sich auch prominente SPD-Politiker wie Holger Börner, Helga Lewandowski (Ex-MdL Niedersachsen, DFW-Präsidentin) oder Doris Barnett zu Wort. Gleichzeitig bekennen sich hier Neonazis zur "Naturreligion", zum Sozialdarwinismus, zu einem von der SS gebauten Aufmarschplatz als ihrem "religiösen" Kultplatz, zum Nazi-"Kirchenkampf" der 30er Jahre als ihrer Wurzel und zu extremen Nazi-Ideologen als ihren Vordenkern, die sogar Adolf Hitler zum Gott erklärt hatten – Extremisten selbst unter Nazis.

Im März 1998 (!) bekannten sich die Freireligiösen in ihrem offiziellen Organ "Weg ohne Dogma" zu den vor Jahrzehnten verstorbenen Nazi-Agitatoren Georg Pick und Carl Peter als ihren aktuellen Chefideologen. Pick hatte 1937 in seinem Buch "Die Religion der freien Deutschen" nicht nur Hitler zum Gott erklärt, sondern auch seinen Plan dargelegt, Juden- und Christentum aus Deutschland zu verbannen und seine Sekte "Freie Religionsgemeinschaft Deutschlands" (heute "Freie Religionsgemeinschaft Rheinland" Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Sitz in Mainz, mit Einnahmen aus Kirchensteuern und dem Recht zum staatlich anerkannten "Religions"-Unterricht) zur einzig legitimen Religion in Nazi-Deutschland zu machen. Noch 1992 hatte die heutige "Pfarrerin" der Pick-Sekte aus diesem Buch in "Wege ohne Dogma" ihre "Religion" abgeleitet.

Wenige Wochen nach der "Kristallnacht", in der jüdische Bürger ermordet, ihr Eigentum zerstört und ihre Synagogen in Flammen aufgegangen waren, schrieb Pick in der Zeitschrift "Freie Religion", deren Nachfolgerin heute "Wege ohne Dogma" ist, der Nationalsozialismus habe zur "Sammlung der kulturellen Substanz unseres Volkstums" geführt, "der germanische Gottesglaube ist unmittelbar aus dem reinen und ungebrochenen Naturgrund unseres Blutes hervorgewachsen" und stehe gegen die "orientalischen Mythen" von Juden und Christen; Pick und seine Sekte seien geprägt vom "Vertrauen auf den Führer unseres Volkes, der aus seinem Sehertum heraus es gewagt hat, durch Höllenflammen hindurchschreitend ein von e i n e r Seele erfülltes deutsches Volk zu schaffen". "Der deutsche Mensch darf es mit Stolz feststellen", so Pick damals, "daß seine edlen rassischen Lebensgrundlagen ihn zu höchsten geistigen und seelischen Leistungen befähigen." Die Funktionäre der Freireligiösen distanzierten sich in ihrem Bekenntnis zu Pick 1998 keineswegs von der Nazi-Zeitschrift "Freie Religion", vielmehr bekräftigten sie, daß Pick immer noch ihr unangefochtener Vordenker ist. Ein Bekenntnis zur Mitschuld an den Nazi-Verbrechen lehnen sie bis heute ab, weil sie das ethische Konzept der "Schuld" ablehnen: als ein "orientalischer Mythos" aus der Bibel, der ihrer "Religiösität" fremd sei.

Militante Neonazis holen sich heute ihre Weltanschauung auch aus Picks Ideen, die immer noch von Nazi-Antiquariaten verkauft werden und in den 80er Jahren von Neonazis in den Niederlanden nachgedruckt wurden.

Ebenfalls im März 1998 lehnten es die SPD-Bundestagsabgordneten Eckhart Pick – Georg Picks Sohn – und Doris Barnett, die sich inzwischen ganz offen zu Sprechern dieser Sekte gemacht haben, in einer Erklärung ausdrücklich ab, die antifaschistische Kritik an den Freireligiösen zu akzeptieren. Statt dessen solidarisierten sie sich ohne jedes Wenn und Aber mit der Sekte und behaupteten wahrheitswidrig, die Freireligiösen seien von den Nazis verfolgt worden. Tatsächlich aber konnte die Pick-Sekte bis 1945 in Südwestdeutschland unbehelligt agieren, und ihre norddeutsche Schwesterorganisation gründete sich 1937 unter dem NSDAP-Mitglied Carl Peter und dem Nazi-"Philosophen" Ernst Bergmann als "judenfreie" Organisation namens "Gemeinschaft deutsche Volksreligion" neu, nachdem sie kurzzeitig aufgrund parteiinterner Fraktionsstreitigkeiten der NSDAP verboten war (die Freireligiösen standen dem Strasser-Flügel der Nazis nahe). Peter war schon in den 20er und 30er Jahren Geschäftsführer der Freireligiösen und blieb es auch nach 1945, als sie wieder den ursprünglichen Namen "Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands" (BFGD) angenommen hatten; Georg Pick war von 1922 bis 1966 ohne Unterbrechung "Pfarrer" der Freireligiösen in Mainz – so wahrt man Kontinuität.

Peter hatte über seine Sekte 1939 geschrieben: "Wir erstreben eine gesunde und natürliche, auf artreinem Deutschtum beruhende, dogmenfreie, aber große, echte, wahre und innige Religion. ... Es erübrigt sich zu betonen, daß auch für uns Deutschreligiöse der Nationalsozialismus der neue Glaube ist". Peter wünschte, "daß es nur e i n e Religion gäbe, eine artgemäße deutsche Volksreligion ohne fremdreligiöse Einschläge" und wollte wie Pick "den grundsätzlich dem deutschen Volksstaat feindlich gesinnten fremdgläubigen kirchlichen Religionsgemeinschaften..., die ihr Unwesen treiben zum Schaden unseres Volks und Vaterlands" den nationalsozialistischen Garaus machen, statt ihrer "die Deutschreligion zur deutschen Staatsreligion" machen, "denn es soll an deutschem Wesen einmal noch die Welt genesen" und "das deutsche Volk" zum "geistigen Führervolk der Menschheit" werden. "Handeln im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung", so Peter, "das wollen wir tun, wir deutschen Freireligiösen oder freien Deutschreligiösen". Auf solche "Religions"-Stifter berufen sich die Freireligiösen noch 1998. Und die Freireligiöse Landesgemeinde Pfalz, der SPD-MdB Barnett angehört, nennt ihr Sekten-Zentrum im pfälzischen Iggelbach ungeniert "Carl-Peter-Haus".

Barnett selbst erklärte 1994 in "Wege ohne Dogma" voller Stolz, der Nazi-Agitator Wilhelm Bonneß – vom SPD-Parteivositzenden Hans Jochen Vogel vorher noch geehrt: "40 Jahre in Treue unserer Partei verbunden. Dafür dankt die Sozialdemokratische Partei Deutschlands", eine Kopie der SPD-Urkunde für Bonneß liegt uns vor – sei ihr religiöser Lehrer gewesen. 1939 hatte Bonneß noch die "nationalsozialistischen Rassenerkenntnisse" hoch gelobt, 1941 in der Zeitschrift "Deutscher Glaube" – dem Kampfblatt des Nazi-"Kirchenkampfs" - Jugendliche zum Tod an der Front ermuntert: "Du bist jung, stark und gesund, und draußen ist Krieg. Du wärest gern da vorn, unter Kameraden, unter Soldaten, vorn, an der Front!". Barnett hatte wahrlich bei Bonneß deutsche Traditionen gelernt: Im Wahlkampf 1998 sagte sie von sich selbst "Ich rolle wie ein Panzer" und nahm im Blitzkrieg Helmut Kohl den Wahlkreis ab. Hinter dem neuen Verteidigungsminister Rudolf Scharping stand sie als neue Hoffnungsträgerin auf Platz 2 der rheinland-pfälzischen SPD-Landeliste.

1995 brachte "Wege ohne Dogma" nicht nur einen flammenden Nachruf auf Barnetts Lehrer Bonneß, der jahrelang Präsident und Ehrenpräsident des BFGD gewesen war und dafür das Bundesverdienstkreuz erhalten hatte; das Blatt pries auch den Nazi-Aufmarschplatz im vermeintlichen "Sachsenwald" bei Verden an der Aller, den Heinrich Himmler und Alfred Rosenberg hatte bauen lassen, als Freireligiösen-Kultplatz an. Schon 1992 schrieb in "Wege ohne Dogma" der nationalrevolutionäre Ideologe Henning Eichberg, den der Hamburgische Verfassungsschutzbericht als wichtigen Modernisierer des Rechtsextremismus namentlich nennt und der auch in den "unitarischen blättern" schrieb. Ebenfalls 1995 druckte das Blatt die Ideen des Nazi Dietrich Bronder zur "Naturreligion" als eigenes Glaubensbekenntnis ab – 1990 noch hatte Bronder sich ausdrücklich zur "Auschwitz-Lüge" bekannt und den Euthanasie-Erlaß Hitlers vom ersten Kriegstag verteidigt, den er sogleich auch aufs neue Deutschland bezog: Euthanasie sei für Deutschlands Überleben nötig gewesen, denn "täglich setzten ganze Divisionen junger Männer ihr gesundes Leben für das Vaterland ein. Mit welchem Recht füttern wir die Krüppel weiter, die immer mehr werden, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, heute weit über eine halbe Million in der BRD? Sicher nicht nach dem Recht der Natur, die mit ihren Mißgestalten anders umgeht: sie wirft sie einfach aus dem Nest, weil das Kranke, geistig und körperlich Mißgebildete kein Lebensrecht hat." 1994 druckte "Wege ohne Dogma" die "Erklärung zum Humanen Sterben" des DFW ab, man will "Sterbehilfe" legalisieren – bei diesen Sekten paßt eins zum andern.

Um wen es sich hier handelt, hatte die Sekten-Enquetekommission des Bundestages – offenbar unfreiwillig – in Bundestagsdrucksache DS 13/8170, Seite 46, deutlich geschrieben: Um Nazi-Sekten, die teilweise von den Alliierten verboten worden waren. Die "Germanische Glaubensgemeinschaft" nennt die Bundestags-Drucksache namentlich; ihr Erbe hatte Carl Peter 1935 angetreten, mit ihr und den "Deutschen Unitariern" schlossen sich die Freireligiösen 1949 zum "Deutschen Volksbund für Geistesfreiheit" zusammen, der sich seit 1992 DFW nennt.

Wie keine andere hat sich die "Freie Religion" dem Nationalsozialismus angebiedert und sich selbst dargestellt als identisch mit der Nazi-Ideologie. SPD-MdB Eckhart Pick legte 1998 selbst als Beleg für die Ideologie seiner Sekte ein Gutachten aus einem Entnazifizierungsverfahren des Jahres 1952 vor, in dem es heißt, die Freireligiösen stünden in derselben Tradition wie der Nationalsozialismus, ihre Kulthandlungen ließen sich mit nationalsozialistischen durchaus vergleichen, es bestünden "gewisse verwandtschaftliche Beziehungen zwischen freireligiösen und nationalsozialistischen Anschauungen" und "eine Abweichung von der traditionellen religiösen Linie der freireligiösen Gemeinden" habe auch unter dem Faschismus "nicht stattgefunden". Sie waren nie etwas anderes als ein Teil der Nazi-Bewegung und ihrer Vorläufer und wollen offenbar bis heute nichts anderes sein. Nach anfänglichem Leugnen scheint man jetzt wieder stolz auf diese Tradition zu sein. Weshalb sonst präsentiert SPD-MdB Pick 1998 ein solches Gutachten? Die SPD-Prominenz bringt es nicht zum Nachdenken.

Im Gegenteil, wie ein paar Beispiele zeigen:

Unter Heide Simonis finanzierte das Land Schleswig-Holstein den "Deutschen Unitariern", die sich auch 1997 noch offen auf den "Kirchenkampf" und ihre Nazi-Tradition beriefen, neue Räume in Kiel; gleichzeitig mußte die Hamburger Innenverwaltung zugeben, daß im "Haus der Deutschen Unitarier" in Hamburg in den 90er Jahren mehrfach die rechtsextremistische Organisation "Gesellschaft für freie Publizistik" tagte. Ministerpräsident Hans Eichel schrieb für den "Unitariertag" ein freundliches Grußwort, sein hessischer Kultusminister kam persönlich als Ehrengast. Gemeinsam mit den Freireligiösen und den Anhängern des Sozialdarwinisten Ernst Haeckel vom "Deutschen Monistenbund" bilden die "Deutschen Unitarier" den "Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften" DFW. Die Freireligiösen leben zum Teil von Kirchensteuern, die die staatlichen Finanzämter für sie einziehen, zum Teil aus einem Staatsvertrag mit dem Land Niedersachsen, den der Nazi-freundliche SPD-Ministerpräsident Georg Diederichs auf Betreiben des Nazi Dietrich Bronder (dieser war zeitweise SPD-Parteisekretär, dann Bundesgeschäftsführer des BFGD) und des freireligiösen niedersächsischen SPD-Sozialministers und späteren Bundesvorsitzenden der "Arbeiterwohlfahrt" Kurt Partzsch mit der Sekte 1970 abschloß. Millionen an Staatsgeldern sind seither aus dem niedersächsischen Landesetat als staatliche Alimentierung an die Freireligiösen geflossen, auch unter Ministerpräsident Gerhard Schröder, als die ideologische Ausrichtung der Sekte bereits öffentlich diskutiert wurde und sie sich bereits wieder offen zu ihren nationalsozialistischen Vordenkern bekannte. Das Geld fließt immer noch.

Und Barnett und Pick, die ihre Sekte auch auf rechtswidrige Weise zu schützen versuchen und deshalb bereits rechtskräftig verurteilt wurden, wurden bei der Bundestagswahl 1998 beide in ihren Wahlkreisen Ludwigshafen und Mainz direkt gewählt – deutsche Wirklichkeit, 60 Jahre nach der "Kristallnacht".

Mehr noch: Nach der Wahl wurde Barnett Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Arbeit und Sozialordnung, Pick stieg zum Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesjustizministerium auf. Beide werden daher wohl auch mit den Fragen der Renten und Entschädigungen für Nazi-Opfer zu tun haben.

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