Gästebuch
Wir freuen uns über (fast) jeden Eintrag in unserem Gästebuch. Nutzen Sie einfach das untenstehende Formular. Diskussionen sollten, sofern ein passendes Forum vorhanden ist, in unsere Diskussionsforen verschoben werden. Pöbeleien und Werbung sind nicht erwünscht, HTML-Tags werden in Text umgewandelt. Kursiv-Formatierung mit *Sternchen*, Fett mit _Unterstrichen_. (Sternchen sind daher als **, Unterstriche als __ zu maskieren.)

Name:
E-Mail:
Homepage:

Mittwoch, der 6. Februar 2002, 23:16 Uhr
Name: Franz Hübner
E-Mail: keine E-Mail
Homepage: keine Homepage

Hallo Herr Ferstl,
wir scheinen uns im Bezug auf den Glauben ähnlich zu verstehen. Ich bin zwar kein Vegitarier, schon aus gesundheitlicher Notwendigkeit.

Das Problem sind nicht einmal die Ideologien an sich, sondern deren Ausführung. Würden Menschen wirklich christlich Leben, hätten wir ein Paradies auf Erden. Aber sie tun es nicht. Besser gesagt, ich akzeptiere Theismus, denn ich kann als Mensch ebenso wenig, gegen oder für die Existenz eines oder mehrer Götter beweisen. Das kann ich nicht. Ihr Argument - wieso gibt es denn Krieg und Leid - könnte ich mit einem Spruch aus dem 19.Jh beantworten "Das Leben auf Erden ist die Schule für das Himmelreich". Und tatsächlich, das ist ein Argument. Erst wenn wir sterben und unser Leben in einem Jenseits ansehen müssen, könnten wir verstehen, wieso wir schlecht sind. Es ist das Argument, dass mich lange am christlichen Glauben hielt. Mich entfernte der Roman 1984 - denn ich erkannte als 16. jähriger, dass es eine Art äußere Realität geben muss, die wir nicht verstehen können, und dass wir Menschen daher einen Gott einsetzen. (Andererseits kann es sein, dass Jesus z.B. tatsächlich Gottgesand war und es einen Gott gibt, der diese äußere Realität umfasst)

Der Seelsorger selbst, war - so merkwürdig es klingt - auch Atheist - vielleicht fand er deshalb zu mir. Er litt an Krebs, die Ärzte bemerkten keine Heilung. Dann hatte er einem Traum, in dem ihm eine Stimme glaube ich sagte "du hast viel auf dieser Welt zu tun". Wirklich direkt nach diesem Traum sprach er auf die Therapien an und wurde geheilt. Er glaubt daran, dass es eine göttliche Botschaft war. Es könnte aber genauso eine biologische Reaktion gewesen sein, die im Gehirn irgendeine Folgereaktion auslöste. Als Agnostiker kann ich auch hier nur sagen, niemand wird es je erfahren können.
Auf alle Fälle weiß ich, dass der Seelsorger nach christlichen Motiven handelt. Er sagt, dass Gott ihm das Leben schenkte, um anderen Menschen zu helfen.

Auch bei dem verdammen des Atheisten. Ich kann nur sagen, - gerade, wenn ich Orwels Roman in Gedanken habe, dass es möglich ist, dass solche Stellen durchaus von Menschenhand ohne eine göttliche Intuition stammen. Wieder kann ich hier nur sagen. Wir werden es nie erfahren. Denn rein von der Logik wäre es möglich, dass ein allmächtiges Wesen alles machen kann.

An dem Gedanken - was wäre, wenn ich nicht geboren wäre, bleibe ich persönlich hängen. Einerseits hätte ich nie einen Unfall gehabt - andererseits hätte ich auch nie das Lachen meiner Kinder gesehen. Ich frage mich oft, ob wir Menschen ein Haufen zuusammengeklumpter Eiweise sind oder aber ob wir mehr als das sind. Ehrlich gesagt, ich vermute, dass ich es erst erfahren werde, wenn ich gestorben bin. Bis dahin hoffe ich genug gedacht und getan zu haben, so dass es einerseits möglich ist in ein Jenseits zu kommen, aber dass ich andererseits mit Freude gelebt habe.

Danke für die Frage nach meinem Zustand! Damit kann ich auch auf die Frage "wie ich mich fühle nach meinem Tod" einhacken. Ich habe starke Gedächtnisslücken, was die unmittelbare Zeit um den Unfall herumbetrifft. Oft frage ich mich, ob ich zu dieser Zeit existierte oder nicht - beides kann ich nicht beantworten und mir keiner 100% beweisen. Auch hier geht es nicht weiter.

Mir selbst geht es mittlerweile eigentlich gut. Ich bin nicht mehr fähig ohne Begleitung weite Strecken zu gehen und ich bin sehr vergesslich geworden. Ebenfalls habe ich Probleme mit dem Sprechen, daher ist das Internet und der Computer für mich eine der besten Erfindungen, denn die Motorik meiner Hände ist fast vollkommen genesen (auch durch die ständige Benutzung einer Tastatur). Die Sprach- und Forbewegungsfunktion, meinen die Ärzte, wird wohl nicht mehr richtig wiederhergestellt werden können. Einen Vorteil hatte der Unfall, ich habe gelernt stundenlang ruhig nachzudenken und ich habe begonnen viel zu lesen. Ich habe in der Zeit meines bisherigen Lebens sehr fromme und gläubige Menschen und deren krasses Gegenteil kennengelernt. Insbesondere, weil ich als Pfadfinder aktiv war. Wie mein Leben sich wenden wird, welchen Glauben ich erlangen werde und welche Erkenntnisse, das wird sich zeigen. Ob es einen Gott und ein Jenseits gibt oder nicht, das werde ich früh genug erfahren, bzw. nicht-erfahren.

Ich muss persönlich sagen, dass Sie auf mich auch einen starken Eindruck machten und ich die sachliche Diskussion mit Ihnen sehr genossen habe. Sie haben mir viele Denkanstöße gegeben und auf dem Weg nach meinem wahren Glauben und auf dem Weg meines Lebens werde ich Ihre Gedanken immer einbeziehen.

gezeichnet,

Franz Hübner

Mittwoch, der 6. Februar 2002, 22:39 Uhr
Name: Franz Hübner
E-Mail: keine E-Mail
Homepage: keine Homepage

Hallo Wolfgang,
: Aus eigenen Erfahrungen mit der katholischen
: Kirche und dem Studium des Christentums und
: seinen Kritikern (Bertrand Russell, Artur
: Schopenhauer, Joachim kahl, Horst Herrmann,
: Gustav Wyneken, Johann Wolfgang zu Goethe,
: Friedrich Nietzsche, und vielen anderen) bin
: ich zu der menschlichen Entscheidung gekommen,
: dass die Lehre vom Christentum eine Leere ist.

Ob Lüge oder nicht Lüge darum geht es mir nicht. Mir geht es darum, dass du ohne Ausreichende Kenntnisse Bibelstellen zitierst und das auf Grund ideologischer Verblendung.

: Es ist und bleibt die größte Lüge der
: Weltgeschichte

Wie heißt es so schön: "Manchmal sind Lügen besser als die Wahrheit". Ich kenne viele Leute, die eine unendliche Zuversicht in Gott haben und die auf Selbstmord durch ihren Glauben verzichtet haben. Daher halte ich es nicht für schlimm, wenn jemand egal was glaubt, solange er niemanden schadet und durch den glauben besser leben kann.
Meine Meinung ist, wie gesagt, wir können nicht festlegen, ob es einen Gott gibt oder nicht, denn ich finde immer ein unumstößliches Argument dafür und dagen - und die Argumente dafür sind von der sprachlichen Logik stabiler, als die unvollständigen Kenntnisse der Naturwissenschaften. Erkläre mir z.B. wieso und wodurch das Universum existiert. Wir Menschen können es nicht verstehen, denn wir sind nur auf dreidimensionalen Raum und kontinuierliche schreitende Zeit beschränkt und es ist schwierig Geräte zu entwickeln, die Dinge messen, diie komplexer sind als unser Gehirn abstrahieren und verstehen kann.
Daher kann und will ich niemanden in seinen Glauben hineinreden, denn ich kann ihn nie 100% wiederlegen. Ich kann nur sagen, dass er durch seinen Glauaben in den nachweislichen Dingen verblendet ist.

: (...), aber vom Staat legalisiert.
: Und darüber empöre ich mich.

Moment! Zweierlei:

1. Vom Staat muss sie legalisiert sein, denn wäre es sie nicht, hätten wir keine Glaubensfreiheit mehr und wenn wir das nicht hätten, dann würde uns ein Grundrecht fehlen. Ich denke eher du meinst, statt legalisieren eher unterstützen. Nun man muss es mit zwei Augen betrachten. Die Kirche nimmt dem Staat Sozialleistungen ab und das ist unumstritten. Die andere Frage ist, ob damit nicht der Staat in einen Zugehörigkeitszwang zur Kirche verwickelt ist.

2. Als das Grundgesetz geschrieben wurde, waren die Menschen froh, dass sie sich an einer Religion festhalten konnten (ich entsinne mich an eine Dokumentation über heimkehr russischer Kriegsgefangener, wie die Menschen an Gott festhielten und nach der Rückkehr fröhlich den Choral "Nun danket alle Gott" sangen.)

gezeichnet,

Franz Hübner

Mittwoch, der 6. Februar 2002, 21:48 Uhr
Name: Herbert Ferstl
E-Mail: keine E-Mail
Homepage: keine Homepage

Hallo Herr Hübner,

{im großen und ganzen gebe ich ihnen Recht.

Das ist nicht notwendig und mir nicht absolut wichtig. Mir erscheint es ausreichend, vereinzelt Denkanstoesse geben zu koennen. :-))

{Zu dieser Sache, habe ich mir jahrelang Gedanken gemacht, denn ich war Jahre lang selbst hin- und hergerissen...

Als ehedem tief glaeubiger und praktizierenden Christ erging es mir kaum anders - auf einer anderen Ebene vielleicht (ist nicht bewertend gemeint).

{...Ich versuche aber mein Leben an den mir sinnvoll erscheinenden Inhalten des Christentums - aber auch der heutigen Zeit auszurichten.

Ich habe gemerkt, dass sich Teilbereiche meiner persoenlichen Ethik mit denen der fruehen Christen aehneln (Feindesliebe, kein Kriegsdienst...).
Mein ethischer Standpunkt den ich ohne Hilfe einer Religion oder Ideologie fand: "Handle stets so, dass die Anzahl der Moeglichkeiten waechst". Nur daraus kann Freiheit und Verantwortung fuer einen selbst, respektive Verantwortung fuer andere entstehen. Verantwortung fuer andere heisst aber nicht, ihnen die eigene Sicht der Dinge abzunehmen. Nur so ist selbstverantwortliches Handeln in einer ethischen Gemeinschaft ueberhaupt erst moeglich.

Die Nächsten- und Feindesliebe z.B. ist mir wichtig.

Sehe ich aehnlich - nur sind das keine originaer christlichen Ideen. Schon Jahrhunderte vorher gab es diese ethischen Positionen. Man kann sich diese ethischen Standpunkte auch selbst "erarbeiten" und begruenden. Deshalb verspeisse ich z.B. keine anderen Lebewesen (mehr). Gerade weil der Mensch die evolutionaer begruendete Moeglichkeit des Leid-Erkennens hat, macht er sich "schuldig", wenn er entgegen diesen ethischen Praemissen handelt. Ein Robinson auf einer einsamen Insel braucht sich diese Fragen erst gar nicht zu stellen. Fuer alles ethische Tun und Handeln gibt es bei ihm keine Reaktio in Form von Ablehnung oder Zustimmung...

Andererseits halte ich wiederum die von atheistischen Vereinigungen verteilte Behauptung, dass die Kirche in sich investiert um sich zu bereichern auch für falsch.

Ich wuerde es eher so sehen:
Die Kirchen/Religionsorganisationen versuchen aus reinem Selbstzweck/-erhaltung, aus Zwecken der Mitgliederwerbung und Mission, aus Gruenden religioeser Heilsversprechungen moeglichst viel Macht auszuueben. Dies gelingt meist sehr gut mit monetaerer Hilfe. Das ist voellig legitim. Nur - sie sollen dabei Staatsgelder und Steuern von Andersglaeubigen nicht verwenden. Deshalb engagiere ich mich aktiv fuer eine konsequente Trennung von Staat und Kirche.
Ich schere da keineswegs alle ueber einen Kamm. Sicherlich mag es viele "gute" Menschen geben, die einer christlichen Religion angehoeren. Doch nochmal frage ich, ob es ohne (religioese) Ideologie nicht einfacher waere, in Frieden miteinander zu leben.

...Mit 16 etwa kamen in mir immer mehr Zweifel auf und mit 19 trat ich aus der Kirche aus und wurde vehementer Vertreter des Atheismus, als ich erfuhr, wie gerne die Kirche und die Bibelautoren die Wahrheit verdrehten.

Glueckwunsch! Ich benoetigte 35 Jahre meines Lebens fuer diese Erkenntnis...

...Trotzdem kam ein Seelsorger der Kirche und unterstützte mich die Zeit über. Ich trat wieder in die Kirche ein, um Geld an solche Seelsorger zu zahlen.

Ich respektiere diese Entscheidung aus nachvollziehbaren Gruenden. Deshalb mache ich hin und wieder fiktive Planspiele: Wie verhalte ich mich beim Tod eines der von uns gezeugten Kinder? Begleite ich den toten Vater auf seinem letzten Weg zum Friedhof? Wie koennte ich einen "Schicksalschlag" (Laehmung, Geburt eines stark behinderten Kindes, Vermoegensverlust, etc.) verkraften?
Entgueltige Loesungen waeren situationsbedingt. Ich versuche jedoch eines: Meine religioese Konditionierung regelrecht auszumerzen. Meine Handlungsmechanismen und Gedanken in ploetzlich auftretenden kritischen Situationen sind aber z.T. noch gepraegt von im Kindesalter erlernten christlichen Konditionierungen. Wie Konditionierungen nachhaltig wirken koennen, sehen sie auf der Internetseite:
http://hsg.kaiserslautern.de/faecher/inf/spiele/warum.htm

1. Ich bin mir bewusst, dass ich selbst voll von Fehlern bin und selbst meine eigenen "hohen" Regeln nie einhalten kann, auch wenn ich noch so scheinheilig rede.

Dem stimme ich vorbehaltlos zu (geht mir auch so) und fuege an, dass diese "hohen Regeln" noetig sind, um sich selbst und sein Handeln daran zu messen und neu auszurichten.

{2. [...] mir ist wichtig, dass wir Menschen nicht aus propagandistischer Sicht helfen, sondern einfach ohne große Gedanken helfen.

Eben das ist es. Hilft der Seelsorger aus eigener (intuitiver und humanistischer) Motivation - wuerde er also auch ohne religioese Ueberzeugungen helfen - oder hilft er eben nur (natuerlich ist ihm das nicht aktiv bewusst), weil ihn sein GOTTESGLAUBE so konditioniert hat?
Dem Geholfenen kann das natuerlich erst mal egal sein; dieser erfaehrt Zuwendung und Ansprache.

Es spricht vieles für eine Existenz Gottes, wie auch vieles dagegen spricht.

Die irdische Existenz ist ein einziges Hauen und Stechen. Ich kann nirgendwo einen Gott erkennen, der barmherzig, guetig, allwissend, liebend, etc. waere. Die einzige Entschuldigung fuer diesen Gott ist, dass es ihn nicht gibt...

3. Mir wurde bei alle dem eines klar: Man darf nicht einer Ideologie nachrennen. Nichts ist unfehlbar, nichts hat nur Sonnenseiten.

Da der Atheismus keine Ideologie per definitionem ist, kann ich mich gut darin aufgehoben sehen. Die Welt ist, wie sie ist. Da war weder ein Gott - der lediglich eine literarische Erfindung ist - der sie geschaffen hat, noch waere dies fuer ein moeglichst ethisch einwandfreies Leben noetig. Was waere das fuer ein "barmherziger" Gott, der den zeitlebens "guten Atheisten" verdammt ("...nur wer an mich glaubt, der wird leben auch wenn er gestorben ist..."), den "reuigen und wiederkehrenden Suender" aber aufnimmt?

Es ist wichtig, dass man sich selbst und andere ständig neu beleuchtet - man kann nur frei sein, wenn man bei klarem Verstand bleibt...

Deshalb ist es wichtig, den Kopf moeglichst frei von Ideologien zu halten. Die Welt ist von Anfang an ohne Gott gewesen. Lediglich der egozentrische Wunsch nach "ewigen Leben" (Inhalte der meisten Religionen) hat diese fiktive Monstergestalt in Erscheinung treten lassen; hat Millionen in seinem Namen das Leben genommen.

...und kritisch zu seiner Umwelt steht.

Richtig. Nur durch staendiges Ueberpruefen des eigenen Standpunktes in Bezug auf die Umwelt ist eine Neuausrichtung der derzeitigen Position moeglich.

Im Moment z.B. überlege ich in wie fern die Starken Erlebnisse meines Unfalls mich beeinflussen, denn nur solange ich ständig nachdenke und neu bewerte, solange weiß ich, dass ich unbefangen und frei bin, denn solange ich versuche die Umstände, die mich möglicherweise beeinflussen zu finden, kann mich niemand mit irgendetwas festhalten.

Keine Willensentscheidung ist wirklich voellig unabhaengig und frei.

Ich habe jetzt über 3 Stunden gebraucht um diesen Text mir aus der Seele zu schreiben, ich hoffe er stiftet nicht noch mehr Verwirrung.

Nein. Ich denke, Sie haben bei mir einen sehr persoenlichen Eindruck hinterlassen.
Es ist sehr schwierig sich zu "befreien" von all den tradierten Konditionierungen der Vorfahren - es wird letztlich nie ganz moeglich sein.
Ich selbst bin derzeit dort angelangt, wo es fuer mich keine Rolle mehr spielt, ob ich je in diese Welt geboren haette sein wollen. Nicht, dass ich meine Existenz (und die der Kinder) in Frage stelle... Nein - ich spreche einfach vom Vorteil des "Niegeborenseins". Man wuesste ja nicht darum...
(Und ich denke, nach meinem Tod werde ich mich so fuehlen, wie vor meiner Geburt - naemlich gar nicht).

Gruesse
Herbert Ferstl

PS: Wie weit ist eigentlich Ihre Genesung fortgeschritten??

Mittwoch, der 6. Februar 2002, 21:45 Uhr
Name: Herbert Ferstl
E-Mail: keine E-Mail
Homepage: keine Homepage

Hallo Herr Hübner,

\i{im großen und ganzen gebe ich ihnen Recht.}

Das ist nicht notwendig und mir nicht absolut wichtig. Mir erscheint es ausreichend, vereinzelt Denkanstoesse geben zu koennen. :-))

\i{Zu dieser Sache, habe ich mir jahrelang Gedanken gemacht, denn ich war Jahre lang selbst hin- und hergerissen...}

Als ehedem tief glaeubiger und praktizierenden Christ erging es mir kaum anders - auf einer anderen Ebene vielleicht (ist nicht bewertend gemeint).

\i{...Ich versuche aber mein Leben an den mir sinnvoll erscheinenden Inhalten des Christentums - aber auch der heutigen Zeit auszurichten.}

Ich habe gemerkt, dass sich Teilbereiche meiner persoenlichen Ethik mit denen der fruehen Christen aehneln (Feindesliebe, kein Kriegsdienst...).
Mein ethischer Standpunkt den ich ohne Hilfe einer Religion oder Ideologie fand: "Handle stets so, dass die Anzahl der Moeglichkeiten waechst". Nur daraus kann Freiheit und Verantwortung fuer einen selbst, respektive Verantwortung fuer andere entstehen. Verantwortung fuer andere heisst aber nicht, ihnen die eigene Sicht der Dinge abzunehmen. Nur so ist selbstverantwortliches Handeln in einer ethischen Gemeinschaft ueberhaupt erst moeglich.

\i{Die Nächsten- und Feindesliebe z.B. ist mir wichtig.}

Sehe ich aehnlich - nur sind das keine originaer christlichen Ideen. Schon Jahrhunderte vorher gab es diese ethischen Positionen. Man kann sich diese ethischen Standpunkte auch selbst "erarbeiten" und begruenden. Deshalb verspeisse ich z.B. keine anderen Lebewesen (mehr). Gerade weil der Mensch die evolutionaer begruendete Moeglichkeit des Leid-Erkennens hat, macht er sich "schuldig", wenn er entgegen diesen ethischen Praemissen handelt. Ein Robinson auf einer einsamen Insel braucht sich diese Fragen erst gar nicht zu stellen. Fuer alles ethische Tun und Handeln gibt es bei ihm keine Reaktio in Form von Ablehnung oder Zustimmung...

\i{Andererseits halte ich wiederum die von atheistischen Vereinigungen verteilte Behauptung, dass die Kirche in sich investiert um sich zu bereichern auch für falsch.}

Ich wuerde es eher so sehen:
Die Kirchen/Religionsorganisationen versuchen aus reinem Selbstzweck/-erhaltung, aus Zwecken der Mitgliederwerbung und Mission, aus Gruenden religioeser Heilsversprechungen moeglichst viel Macht auszuueben. Dies gelingt meist sehr gut mit monetaerer Hilfe. Das ist voellig legitim. Nur - sie sollen dabei Staatsgelder und Steuern von Andersglaeubigen nicht verwenden. Deshalb engagiere ich mich aktiv fuer eine konsequente Trennung von Staat und Kirche.
Ich schere da keineswegs alle ueber einen Kamm. Sicherlich mag es viele "gute" Menschen geben, die einer christlichen Religion angehoeren. Doch nochmal frage ich, ob es ohne (religioese) Ideologie nicht einfacher waere, in Frieden miteinander zu leben.

\i{...Mit 16 etwa kamen in mir immer mehr Zweifel auf und mit 19 trat ich aus der Kirche aus und wurde vehementer Vertreter des Atheismus, als ich erfuhr, wie gerne die Kirche und die Bibelautoren die Wahrheit verdrehten.}

Glueckwunsch! Ich benoetigte 35 Jahre meines Lebens fuer diese Erkenntnis...

\i{...Trotzdem kam ein Seelsorger der Kirche und unterstützte mich die Zeit über. Ich trat wieder in die Kirche ein, um Geld an solche Seelsorger zu zahlen.}

Ich respektiere diese Entscheidung aus nachvollziehbaren Gruenden. Deshalb mache ich hin und wieder fiktive Planspiele: Wie verhalte ich mich beim Tod eines der von uns gezeugten Kinder? Begleite ich den toten Vater auf seinem letzten Weg zum Friedhof? Wie koennte ich einen "Schicksalschlag" (Laehmung, Geburt eines stark behinderten Kindes, Vermoegensverlust, etc.) verkraften?
Entgueltige Loesungen waeren situationsbedingt. Ich versuche jedoch eines: Meine religioese Konditionierung regelrecht auszumerzen. Meine Handlungsmechanismen und Gedanken in ploetzlich auftretenden kritischen Situationen sind aber z.T. noch gepraegt von im Kindesalter erlernten christlichen Konditionierungen. Wie Konditionierungen nachhaltig wirken koennen, sehen sie auf der Internetseite:
http://hsg.kaiserslautern.de/faecher/inf/spiele/warum.htm

\i{1. Ich bin mir bewusst, dass ich selbst voll von Fehlern bin und selbst meine eigenen "hohen" Regeln nie einhalten kann, auch wenn ich noch so scheinheilig rede.}

Dem stimme ich vorbehaltlos zu (geht mir auch so) und fuege an, dass diese "hohen Regeln" noetig sind, um sich selbst und sein Handeln daran zu messen und neu auszurichten.

\i{2. [...] mir ist wichtig, dass wir Menschen nicht aus propagandistischer Sicht helfen, sondern einfach ohne große Gedanken helfen.}

Eben das ist es. Hilft der Seelsorger aus eigener (intuitiver und humanistischer) Motivation - wuerde er also auch ohne religioese Ueberzeugungen helfen - oder hilft er eben nur (natuerlich ist ihm das nicht aktiv bewusst), weil ihn sein GOTTESGLAUBE so konditioniert hat?
Dem Geholfenen kann das natuerlich erst mal egal sein; dieser erfaehrt Zuwendung und Ansprache.

\i{Es spricht vieles für eine Existenz Gottes, wie auch vieles dagegen spricht.}

Die irdische Existenz ist ein einziges Hauen und Stechen. Ich kann nirgendwo einen Gott erkennen, der barmherzig, guetig, allwissend, liebend, etc. waere. Die einzige Entschuldigung fuer diesen Gott ist, dass es ihn nicht gibt...

\i{3. Mir wurde bei alle dem eines klar: Man darf nicht einer Ideologie nachrennen. Nichts ist unfehlbar, nichts hat nur Sonnenseiten.}

Da der Atheismus keine Ideologie per definitionem ist, kann ich mich gut darin aufgehoben sehen. Die Welt ist, wie sie ist. Da war weder ein Gott - der lediglich eine literarische Erfindung ist - der sie geschaffen hat, noch waere dies fuer ein moeglichst ethisch einwandfreies Leben noetig. Was waere das fuer ein "barmherziger" Gott, der den zeitlebens "guten Atheisten" verdammt ("...nur wer an mich glaubt, der wird leben auch wenn er gestorben ist..."), den "reuigen und wiederkehrenden Suender" aber aufnimmt?

\i{Es ist wichtig, dass man sich selbst und andere ständig neu beleuchtet - man kann nur frei sein, wenn man bei klarem Verstand bleibt...}

Deshalb ist es wichtig, den Kopf moeglichst frei von Ideologien zu halten. Die Welt ist von Anfang an ohne Gott gewesen. Lediglich der egozentrische Wunsch nach "ewigen Leben" (Inhalte der meisten Religionen) hat diese fiktive Monstergestalt in Erscheinung treten lassen; hat Millionen in seinem Namen das Leben genommen.

\i{...und kritisch zu seiner Umwelt steht.}

Richtig. Nur durch staendiges Ueberpruefen des eigenen Standpunktes in Bezug auf die Umwelt ist eine Neuausrichtung der derzeitigen Position moeglich.

\i{Im Moment z.B. überlege ich in wie fern die Starken Erlebnisse meines Unfalls mich beeinflussen, denn nur solange ich ständig nachdenke und neu bewerte, solange weiß ich, dass ich unbefangen und frei bin, denn solange ich versuche die Umstände, die mich möglicherweise beeinflussen zu finden, kann mich niemand mit irgendetwas festhalten.}

Keine Willensentscheidung ist wirklich voellig unabhaengig und frei.

\i{Ich habe jetzt über 3 Stunden gebraucht um diesen Text mir aus der Seele zu schreiben, ich hoffe er stiftet nicht noch mehr Verwirrung.}

Nein. Ich denke, Sie haben bei mir einen sehr persoenlichen Eindruck hinterlassen.
Es ist sehr schwierig sich zu "befreien" von all den tradierten Konditionierungen der Vorfahren - es wird letztlich nie ganz moeglich sein.
Ich selbst bin derzeit dort angelangt, wo es fuer mich keine Rolle mehr spielt, ob ich je in diese Welt geboren haette sein wollen. Nicht, dass ich meine Existenz (und die der Kinder) in Frage stelle... Nein - ich spreche einfach vom Vorteil des "Niegeborenseins". Man wuesste ja nicht darum...
(Und ich denke, nach meinem Tod werde ich mich so fuehlen, wie vor meiner Geburt - naemlich gar nicht).

Gruesse
Herbert Ferstl

Mittwoch, der 6. Februar 2002, 15:45 Uhr
Name: Wolfgang
E-Mail: keine E-Mail
Homepage: keine Homepage

Aus eigenen Erfahrungen mit der katholischen Kirche und dem Studium des Christentums und seinen
Kritikern (Bertrand Russell, Artur Schopenhauer,
Joachim kahl, Horst Herrmann, Gustav Wyneken,
Johann Wolfgang zu Goethe, Friedrich Nietzsche,
und vielen anderen) bin ich zu der menschlichen
Entscheidung gekommen, dass die Lehre vom Christentum eine Leere ist.
Es ist und bleibt die größte Lüge der Weltgeschichte, aber vom Staat legalisiert.
Und darüber empöre ich mich.

Mittwoch, der 6. Februar 2002, 14:01 Uhr
Name: Franz Hübner
E-Mail: keine E-Mail
Homepage: keine Homepage

Hallo Wolfgang,

: Humanisten sind also eine Gefahr für die
: Menschheit.
: Haben Humanisten Menschen wegen ihres Glaubens
: bestialisch umgebracht?
: Die Scheiterhaufen sind noch nicht erloschen.
: Man braucht doch nur nach Irland zu schauen.

Du hast mich immer noch falsch verstanden. Was ich meinte war etwas ganz anderes. Ideologen und Fanatiker sind die Gefahr für die Menschheit. Sowohl Christliche, wie auch andere. Menschen, die sich nicht zurückhalten können, die alles Plattreden, die davon überzeugt sind, dass sie richtig liegen. Und das sind die Kirchen, oder bestimmte Autoren auf dieser Seite. Wir Menschen müssen uns abgewöhnen immer auf Anhieb eine Aussage für oder gegen jemand zu treffen und aufhöhren zu verallgemeinern - und wir müssen jedem mehrere Chancen geben. Unser Leben ist lang und ein Mensch kann sich in den Durchschnittlich 70 Jahren, die er natürlich lebt, komplett verändern - gleiches gilt für Gemeinschaften.

Du sagst, dass die Kirchen schlecht sind, weil sie einst Scheiterhäufen gemacht haben. Ich übertrage jetzt einmal diese Aussage auf z.B. uns Deutsche. Demnach müssten alle Deutschen sich als Völkermörder verhaften, denn wir Deutschen sind ja an den Greueltaten des zweiten Weltkriegs schuld. Siehst du - darin stecken mehrere Trugschlüße:

1. Nur eine führende Schicht war für die Greueltaten verantwortlich
2. Das jetzige Deutschland ist ein Land, in dem Frieden und große Freiheit herrscht.
3. Die Kinder der Deutschen, die die Greultaten begangen verhalten sich anders als ihre Eltern.
4. Auch Beteiligte zeigten Reue.

Wir Menschen lernen und wir müssen jedem die Chance geben zu lernen. Und wir müssen auch alles genau betrachten. Wir dürfen uns nicht generell von unserer Überzeugung verblenden lassen.
Zu den Scheiterhaufen z.B.: In Schwäbisch Hall gab es einen Pfarrer, der durchaus die Hexenprozesse verurteilte. Zut Kirche z.B.: Die Kirche schafft es immer noch nicht sich wieder zu vereinigen, wegen rituellen Lächerlichkeiten - ja es gibt sogar Hass zwischen den verschiedenen Konfessionen. Anders z.B. die NPD: Sie enthält Menschen die weder die Taten der NSDAP bereuen, noch handelt sie anders - sie rühmt sich eher sogar mit ihren Taten und sie verfolgt eine Ideologie des Rassismus.

gezeichnet,

Franz Hübner

P.S.: Ich selbst übrigens ging immerhin auf ein humanistisches Gymnasium - lernte neben Latein und Altgriechisch auch die Philosphie der Antike und der Moderne kennen und hatte viel mit humanistisch eingestellten Lehrern zu tun - die mir ein anderes Bild des Humanismus vermittelten, als ein großer Teil dieser Seite es macht und viele Autoren im Gästebuch.

Mittwoch, der 6. Februar 2002, 12:16 Uhr
Name: Dr. Dieter Schmidt, Breme
E-Mail: keine E-Mail
Homepage: keine Homepage

Wann hört Dieter Hashagen, Brake, endlich damit auf, seine Mitgliedschaft im Verein Ahnenstätte Conneforde zu beschönigen?

Mittwoch, der 6. Februar 2002, 12:04 Uhr
Name: Der Humanist
E-Mail: keine E-Mail
Homepage: keine Homepage

Längere Quellentexte bitte ins Forum oder nur den Link angeben. Wir können selber klicken.

Gästebuch-Archiv
71 | 70 | 69 | 68 | 67 | 66 | 65 | 64 | 63 | 62 | 61 | 60 | 59 | 58 | 57 | 56 | 55 | 54 | 53 | 52 | 51 | 50 | 49 | 48 | 47 | 46 | 45 | 44 | 43 | 42 | 41 | 40 | 39 | 38 | 37 | 36 | 35 | 34 | 33 | 32 | 31 | 30 | 29 | 28 | 27 | 26 | 25 | 24 | 23 | 22 | 21 | 20 | 19 | 18 | 17 | 16 | 15 | 14 | 13 | 12 | 11 | 10 | 9 | 8 | 7 | 6 | 5 | 4 | 3 | 2 | 1

Copyright © 1999, Der Humanist (Gästebuch entwickelt von Erik Möller) - Copyright © der Einträge bei ihren Autoren