Die Monstren der Weltgeschichte

von
Christian Barduhn

 

„Sie sind nicht der Messias, Sie sind der Witz der Woche!“
(Brad Pitt zu Kevin Spacey in SE7EN)

„Sieben, das klingt so schön biblisch. Sieben.“
(T.M. McNally: Diese Wut in uns)

 

Detective William Somerset (Morgan Freeman) ist sechs Tage von seiner Pensionierung entfernt. Müde und desillusioniert schleppt er sich durch den Dienst. Während eines Mordfalls lernt er seinen neuen hitzköpfigen Partner, Detective David Mills (Brad Pitt), kennen. Ein zweiter Mord geschieht. Wie am ersten Tatort (GLUTTONY/Maßlosigkeit), hat der Täter das Wort einer der sieben Todsünden des Katholizismus hinterlassen: GREED/Habsucht. Ein Ritualkiller hat das Spiel eröffnet. Fingerabdrücke führen die Polizisten zum dritten Opfer, das der Killer ein Jahr lang an ein Bett fesselte: SLOTH/Trägheit. Durch die literarischen Hinweise und Botschaften (Milton, Shakespeare) die der Serientäter auslegt, kommen ihm Somerset und Mills, über die Mitgliederkartei einer Bibliothek, auf die Spur. Doch nachdem zwei weitere Sünden abgehakt sind (PRIDE/Hochmut und LUST/Wollust), stellt sich der Killer freiwillig. Unfähig ihn zu identifizieren – er hat sich die Haut von den Fingerkuppen geschnitten –, wird er kurzerhand John Doe (Kevin Spacey) genannt. Aber noch sind zwei Sünden offen (ENVY/Neid und WRATH/Zorn), und John Doe dirigiert alle Spielfiguren bis zum bitteren Ende, an dem er sich selbst, Mills und Somerset durch eine geplante Überraschung zu Opfer, Täter und Zuschauer funktionalisiert...


David Fincher bebildert in SE7EN eine Welt, in der alles möglich ist, in der es keine Hoffnung und aus der es kein Entkommen gibt. Die Stadt als Symbol der kapitalistischen Apokalypse, der moralischen Dekadenz, der menschlichen Entfremdung und der unerfüllten Sehnsüchte. Die Stadt als steingewordenes Geschwür, das wächst und wächst und alles überwuchert; Gedanken und Gefühle, Mensch und Natur verschlingt. Fincher gelingt es, dank Khondjis braunstichigen Bildern, ein längst fälliges missing link zwischen dem 20. Jahrhundert und der grimmigen urbanen Extrapolation BLADE RUNNER herzustellen (tatsächlich ähneln einige Einstellungen sehr stark Ridley Scotts zeitlosem Meisterwerk).


Wie der Drehbuchautor Andrew Kevin Walker Somerset und Mills in die Irre führt, verwirrt der Regisseur den Zuschauer auf einer zweiten Ebene. Namentlich wird die Stadt nie bestimmt, nur Mills’ Frau Tracey (Gwyneth Paltrow) gibt in einem Nebensatz („...im Norden...“) einen vagen geographischen Anhaltspunkt. Doch Fincher drehte im sonnigen Los Angeles, ließ die Sets künstlich beregnen und verstreute einige Hinweise: das vermeintliche Erdbeben (The Big One – L.A.s Trauma Nr.1) entpuppt sich als das Rumpeln der S-Bahn – freilich könnte man hier auch den religiösen Subtext des Weltuntergangs, der sich wie ein roter Faden durch den gesamten Film zieht, extrahieren.


Ausdrücklich hervorzuheben ist, daß Fincher nicht dem Trend der Neunziger erlegen ist, den Killer als ein übermenschliches Wesen darzustellen (all die verständnislosen Kritiker, die Vergleiche zu THE SILENCE OF THE LAMBS bzw. Hannibal Lecter gezogen haben, sollten schleunigst den Beruf wechseln!). Die angebliche Intelligenz des Täters, geschickt aufgebaut durch die Literaturhinweise (Chaucers Canterbury Tales, Shakespeares The Merchant of Venice, Miltons Lost Paradise), benutzt der Regisseur nur, um ihm gegen Ende des Films die pseudointellektuelle Tarnkappe zu entreißen: John Doe ist nur ein Popanz, die erbärmliche Ausgeburt seiner sozio-kulturellen Programmierung; seine Wohnung, vollgestopft mit Notizbüchern über belanglose Ereignisse, Fotos und Teilen seiner Opfer, kitschigen Devotionalien, ist das Spiegelbild eines durch Religion zerstörten Gehirns.


Während der Autofahrt zum Ort des Showdowns demontiert Fincher ihn vollends: In einem Moment der Erregung fällt John Does starre Maske der Überheblichkeit und entblößt die häßliche Fratze einer infantilen Mischung aus religiös verbrämter Weltverbesserungs- und primitiv-faschistischer Selbstjustizmentalität. „Ich bin nichts Besonderes“, sagt Doe – der sich, laut eigener Aussage, auf einer Mission befindet, um die Todsünden aus der Welt zu schaffen – kurz vorher und es ist genau diese „Banalität des Bösen“, die Hannah Arendt 1961 im Eichmann-Prozeß entdeckte, denn erschreckender als das Töten aus Haß, ist das Töten aus eingebildeter Pflicht: verwischt sich doch hier die Grenze zwischen den Monstren der Weltgeschichte einerseits und dem freundlichen Nachbarn (und damit letztlich auch uns selbst) andererseits.


Über Morgan Freeman – herausragend in THE UNFORGIVEN und Tim Robbins in THE SHAWSHANK REDEMPTION Schauspielunterricht erteilend – muß man nicht viel Worte verlieren, der Mann ist ein Selbstläufer . Er bringt in SE7EN die nötige Schwere in sein Spiel ein, damit man hinter seiner Mimik und Gestik die Altersweisheit erahnt. Brad Pitt entgleiten in der zweiten Hälfte allzuoft die Gesichtszüge und belegt damit einmal mehr, daß ihm die (schauspielerische) Reife fehlt, um komplexe Charaktere zu füllen. Aber da ist noch Gwyneth Paltrow, dieses bezaubernde Geschöpf, die allein mit ihrer Ausstrahlung eine Verbindung zum sonnenüberfluteten Ende herstellt. Wenn sie „Ich hasse diese Stadt“ sagt, dann sind alle Emotionen bei ihr. Und gerade sie muß ihren ungewollten Platz in einer von Männern dominierten Welt mit dem Leben bezahlen. Konsequent bebildert der Regisseur eine Welt, in der es letztendlich keine Rolle spielt, an welchem Ort man sich aufhält, weil es in ihr, wie gesagt, keine Hoffnung und erst recht kein Entkommen aus ihr gibt.

David Fincher bekräftigt nach ALIEN3 mit SE7EN seinen (kritischen, weil entlarvenden!) Hang zum religiösen Mystizismus.


SE7EN (USA, 1995 / dt. Titel: SIEBEN)
Regie: David Fincher
Drehbuch: Andrew Kevin Walker
Kamera: Darius Khondji
Länge: 124 Minuten (Kino)
Darsteller: Morgan Freeman, Brad Pitt, Gwyneth Paltrow, Kevin Spacey, John C. McGinley, Richard Roundtree, Julie Araskod u.a.


© Christian Barduhn, im Dezember 1995    Index    Der Humanist