M.S. Salomon: Stollbergs Infero

"Das Christentum hat sich seine Sonderstellung als ‚dümmste Religion’ redlich verdient!"

 

Interview mit dem Autor M.S.Salomon zu seinem Roman "Stollbergs Inferno"

 

M.S. SalomonVon M.S.Salomon, dem verantwortlichen Redakteur der religionskritischen Zeitschrift MIZ (Materialien und Informationen zur Zeit), erscheint dieser Tage ein Roman, der das Potential hat, die Gemüter der Republik nachhaltig zu erregen. Die Erzählung handelt von einem Religionskritiker namens Jan Stollberg, der während einer Vorlesung über "Wissenschaft und Aberglaube" einen Herzinfarkt erleidet, worauf er sich zu seinem maßlosen Erstaunen in der christlichen Vorhölle wiederfindet. Wie er sind dort alle Philosophen gefangen, die aufklärerisches Gedankengut vertreten haben. Der unmittelbar bevorstehende Abtransport Ludwig Feuerbachs zur "Himmlischen Rampe" – dort werden ausselektierten Todsünder den ewigen Flammen übergeben – wird für die gepeinigten Gefangenen zum Anlass, die höllischen Zustände nicht länger nur zu interpretieren, sondern sie zu verändern. Sie planen den Aufstand gegen die Diktatur Gottes...

"Stollbergs Inferno" ist ein spannender und erbarmungslos konsequenter philosophischer Roman, der den Lesern in den Dialogen der gefangenen Philosophen die Erkenntnisse der großen Denker der Menschheit auf unterhaltsame, aber nie verniedlichende Weise näher bringt. In gewisser Weise kann das Buch als "Sophies Welt für Erwachsene" gelesen werden – nicht nur wegen Stollbergs amouröser Abenteuer in der "Vorhölle der Unkeuschen", sondern vor allem, weil es hier um die brennenden "letzten Fragen" geht, um den Kampf mit dem Absurden, dem in letzter Instanz wohl vergeblichen Versuch, der endlichen menschlichen Existenz dauerhaften Sinn zu verleihen.

Das Interview mit dem Autor führte Heike Jackler.

 

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humanist.de: Herr Salomon, soeben ist Ihr Roman "Stollbergs Inferno" erschienen. Das Buch ist sicherlich eine der radikalsten Absagen an das Christentum, die je im Bereich der Belletristik formuliert wurden. Man kann den Roman wohl mit Fug und Recht als die "Satanischen Verse des Christentums" bezeichnen. Befürchten Sie nun scharfe Gegenreaktionen von Seiten der Kirchen?

 

Salomon: Eigentlich nicht. Die Kirchen sind im Moment aus guten Gründen mit sich selbst beschäftigt. Man denke nur an die letzte Gallup-Umfrage, bei der die Kirche auf der Liste der vertrauenswürdigen Institutionen den letzten Platz belegte! Allerdings: Ganz auszuschließen ist die Möglichkeit natürlich nicht, dass die Kirchen noch einmal begehrlich nach dem Zensurparagraphen 166 StGB greifen werden. Immerhin hat die Katholische Kirche vor rund acht Jahren das Aufführungsverbot meines Musicals "Das Maria-Syndrom" erwirkt. Dabei war dieser musikalische Comic-Strip ein vergleichsweise harmloser Spaß. Das "Maria-Syndrom", das den Fußstapfen von Monty Python und Frank Zappa folgte, kratzte vielleicht ein wenig an der Oberfläche der Religion, bei "Stollbergs Inferno" jedoch geht es ans Eingemachte. Das heißt: Wenn die Kirche heute den gleichen Maßstab anlegen würde wie damals, müsste sie eigentlich noch entschiedener für ein Verbot kämpfen. Ich bezweifle aber, dass es dazu kommen wird.

 

humanist.de: Ist ein solches Verbot nicht das Beste, was einem Schriftsteller passieren kann?

 

Salomon: Das könnte man meinen. Leider habe ich im Fall "Maria-Syndrom" das genaue Gegenteil erleben müssen. Selbst liberale Kommentatoren, die eigentlich gegen ein Verbot des Stücks waren, distanzierten sich in einem quasiautomatischen Reflex von diesem "skandalösen, unausgereiften Machwerk", wahrscheinlich um nicht in eine Schublade mit "schlimmen Gotteslästerern" gesteckt zu werden. Dabei hatten sie das Stück noch nicht einmal gelesen, geschweige denn die Musik gehört, die beim "Maria-Syndrom", das ja als Hommage an Frank Zappa gedacht war, eigentlich im Vordergrund stand. Nein, alles in allem kann ich nicht sagen, dass das Verbot für mich von Vorteil war. Es hat mir wirtschaftlich einigen Schaden zugefügt, zumal der bekannte Regisseur Ken Russell ("Die Teufel", "Der Höllentrip", "Tommy", "China Blue", "Gothic") im Vorfeld sein Interesse bekundet hatte, das Stück zu verfilmen. Nach dem Aufführungsverbot war es aber leider nicht mehr möglich, die nötigen Geldgeber für den Film zu finden. Das finanzielle Risiko war einfach zu hoch. Seither ruht das Drehbuch in meinem Schreibtisch und wartet auf bessere Tage…

 

humanist.de: Da es mit der Verfilmung des "Maria-Syndroms" nicht geklappt hat, wollen Sie es mit "Stollbergs Inferno" erneut versuchen? Können Sie sich vorstellen, dass der Roman irgendwann einmal verfilmt wird?

 

Salomon: Selbstverständlich. Die Jenseitsabenteuer des Jan Stollberg ließen sich wunderbar mit filmischen Mitteln umsetzen. Ich bin überzeugt, dass der "Film zum Buch" bei entsprechender Aufmachung sehr erfolgreich in den Kinos laufen könnte und auf diese Weise ein weit größeres Publikum erreichen würde als das Buch selber. Natürlich müssten im Drehbuch die philosophischen Bezüge stark zurückgeschraubt und die "Action"-Elemente in den Vordergrund gerückt werden. Das größte Problem für die Realisierung eines solchen Films besteht zweifellos in der Budgetfrage. Aufgrund des surrealen Umfeldes der Handlung, fürchte ich, würde "Stollbergs Inferno" ein recht teuerer Film werden.

 

humanist.de: "Stollbergs Inferno" wird auf dem Buchrücken als "kritisches Update zu Dantes Göttlicher Komödie" angekündigt. Was darf man darunter verstehen?

 

Salomon: Dantes Comedia Divina hat nach mehr als einem halben Jahrtausend dringend eine Auffrischung verdient – und das nicht nur, weil die Hölle mittlerweile massenhaft mit neuen Gestalten gefüllt sein dürfte. Es ist die ideologische Gesamtausrichtung des Werkes, die nicht mehr up to date ist. Das ist vor allem deshalb tragisch, weil die Göttliche Komödie als eines der wenigen, unvergänglichen Meisterwerke der Weltliteratur gilt. Von einem rein formalen Gesichtpunkt aus ist das sicherlich auch zutreffend. Von ihrem Inhalt her ist die Göttliche Komödie jedoch ein erschreckend engstirniges Produkt des christlichen Schuld- und Sühnegedankens. Im Vergleich zu den Folterqualen, die die vermeintlichen Sünder in Dantes Inferno erdulden müssen, lesen sich die wildesten Machtfantasien des Marquis de Sade wie harmlose Gute-Nacht-Geschichten. Man kann sich gut vorstellen, wie das Werk auf die Gläubigen früherer Zeiten gewirkt haben muss. Dante malte die schrecklichen Höhepunkte des christlichen Glaubenswahns en detail aus und lieferte damit ein höchst unheilstiftendes Echo jener infantilen Rachegelüste, die bereits der christliche Messias hoch dosiert zum Ausdruck brachte. Man denke beispielsweise an die Verse 9, 42-48 des Markusevangeliums, wo die Qualen der Hölle eindringlich beschrieben werden. Keine Frage: Lustig ist diese besondere – weil "Göttliche" – Komödie ebenso wenig, wie die "frohe Botschaft" wirklich froh ist. Eher ist das Ganze auf tragische Weise lächerlich – wie so vieles Andere, das aus dem Christentum hervorging.

 

humanist.de: Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq, Autor der provokanten Bestseller "Elementarteilchen" und "Plattform", wurde vor kurzem angeklagt, weil er den Islam als die "dümmste Religion" bezeichnet hatte. Würden Sie Houellebecqs Aussage widersprechen?

 

Salomon: Nun, zunächst einmal freue ich mich, dass die französischen Richter das Anliegen der islamischen Verbände zurückwiesen haben und Houellebecq freigesprochen wurde. Ich stimme mit ihm darin überein, dass der Islam zur Zeit wohl die "gefährlichste" aller Religionen ist. Aber ist er auch die "dümmste"? Nein! Ich denke, das Christentum hat sich seine Sonderstellung als "dümmste Religion" redlich verdient.

 

humanist.de: Inwiefern?

 

Salomon: Christen glauben nicht nur trotz Hitler, Hunger, Haarausfall an die Allgegenwart eines allmächtigen, allgütigen Gottes. Ihr Gott leidet zudem auch noch an einer höchst seltsamen multiplen Persönlichkeitsstörung (Dreifaltigkeit), was sich u.a. darin ausdrückt, dass er nach einem ärgerlichen Streit mit seinen Geschöpfen (Sündenfall) zunächst 99,99 Prozent allen Lebens vernichtet (Sintflut), dann einen Teil seiner selbst (Gottsohn) von einer antiken Besatzungsmacht (den Römern) hinrichten lässt, um mit sich selbst und seiner Schöpfung wieder im Reinen zu sein (Erlösung). Im Andenken an diese hochgradig psychopathologische Erlösungstat feiern die Christen Woche für Woche ein merkwürdiges Ritual, in dem eigens dazu ausgebildete Zeremonienmeister geheimnisvolle Zaubersprüche sprechen. Hierdurch werden profane Teig-Oblaten in den sich anscheinend milliardenfach replizierenden Leib des hingerichteten Erlösers verwandelt, der dann von den Gläubigen sogleich verspeist wird. Der Zweck dieses rituell-kannibalischen Aktes ist ebenso obskur wie der Akt selbst: Angeblich soll er die christlichen Jesu-Leib-Vertilger vor Todsünden und dem Einfluss Luzifers bewahren und verhindern, dass die Gläubigen nach ihrem Tod in dem ewigen Flammenmeer einer imaginären Hölle darben müssen… Ich meine, die in vielerlei Hinsicht intellektuell gefährdete Gattung Homo sapiens hat sicherlich einiges an Unsinn fabriziert, die christliche Erlösungssaga aber setzt dem schier unerschöpflichen Arsenal hominiden Schwachsinns zweifellos die Krone auf.

 

humanist.de: Spricht aus diesen scharfen Worten nicht ein abgrundtiefer Hass gegenüber dem Christentum bzw. der Religion schlechthin? Als der Skandal um das "Maria-Syndrom" eskalierte, haben einige weniger wohl gesonnene Kommentatoren Ihre literarischen und philosophischen Angriffe auf die Religion als "späte Rache eines enttäuschten Messdieners" gedeutet… Sind Sie sehr religiös erzogen worden?

 

Salomon: (lacht) Nein, beim besten Willen, mit diesem Klischee kann ich leider nicht dienen! Ich war weder Messdiener noch wurde ich in irgendeiner nennenswerten Weise religiös indoktriniert. Mein religionskritisches Engagement entsprang keinem subjektiven Beklemmungsgefühl und auch keinem Hass gegenüber der Religion (schon gar nicht gegenüber irgendwelchen gläubigen Menschen!), sondern der nüchternen Erkenntnis, dass sich mit dem Jenseits jede Lüge im Diesseits begründen lässt (Nietzsche). Man muss sich nur das aktuelle Zeitgeschehen anschauen, um sich zu vergegenwärtigen, welche fürchterlichen Wirkungen die Religionen im Diesseits haben können oder besser: haben müssen. Ich denke, Marx hatte vollkommen Recht, als er schrieb, die Kritik der Religion sei die Voraussetzung aller Kritik. Selbstverständlich ist aber die Voraussetzung der Kritik nicht zugleich auch das Ende aller Kritik. Es wäre hochgradig unsinnig, alle Übel der Welt auf die Religion allein zurückzuführen. Daran sind zweifellos noch ganz andere (vor allem ökonomische!) Kräfte beteiligt. Dennoch bin ich überzeugt, dass sich die globale Misere deutlich mildern würde, wenn wir künftig darauf verzichten könnten, unseren Rang innerhalb der menschlichen Säugetierhierarchie durch die behauptete Nähe zu einem "imaginären Alphamännchen" (Gott) aufzubessern.

 

humanist.de: Wie kamen Sie zu der doch recht ungewöhnlichen Grundidee Ihres Romans? Sie sind sicherlich nicht eines Morgens aufgewacht und wussten, was Sie schreiben wollten…

 

Salomon: Nun, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, fiel mir zunächst jener Aphorismus ein, der jetzt als Motto dem Buch vorsteht: "Das stärkste Argument gegen Gott – wäre der Beweis seiner Existenz." Mir selbst gefiel dieser Aphorismus ausgesprochen gut, denn er kehrt gewissermaßen die traditionelle religionskritische Herangehensweise um. Religionskritiker haben bislang in der Regel versucht zu beweisen, dass der personale Gott des Christentums nicht existiert, bzw. nicht existieren kann. Ich hingegen fragte mich: Was wäre, wenn dieser Gott wirklich existierte? Würde ich, angenommen, dass ausreichend Beweise für die Existenz des christlichen Gottes vorliegen würden, eiligst in die Kirche eintreten, einen Intensivkurs in christlicher Demut absolvieren und alles über den Haufen werfen, was ich vorher gedacht habe? Nein, in Anbetracht der Gräueltaten, die von diesem Schöpfergott überliefert sind, hielt ich dies für keine angemessene Reaktionsweise. Max Weber paraphrasierend könnte man sagen: Aus dem unterstellten oder gar faktischen Sein Gottes lässt sich nicht sein Seinsollen ableiten! Im Gegenteil! Obwohl ich ein strikter Gegner der Todesstrafe bin, muss ich an diesem Punkt dem Anarchisten Michail Bakunin zustimmen: Wenn dieser Gott wirklich existierte, müsste man ihn beseitigen! Und in gewisser Weise tun die Helden meines Romans genau dies. Sie revoltieren gegen Gott. Nachdem mir diese dramatische Grundkonstellation klar war, schrieb sich die Geschichte wie von selbst…

 

humanist.de: Let’s talk about Sex. Nicht nur im "Maria-Syndrom", sondern auch im Stollberg-Roman haben Sie großen Wert darauf gelegt, sexuelle Handlungen explizit und freizügig zu schildern. War das für die Entwicklung der Geschichte notwendig oder stand dahinter vielleicht der Gedanke, dem Leser nach dem Motto "Sex sells!" einen weiteren Anreiz zu bieten, das Buch zu kaufen?

 

Salomon: (lacht) Wenn ich wirklich nach der Devise "Sex sells!" hätte handeln wollen, hätte ich der "Vorhölle der Unkeuschen" sicherlich einen größeren Stellenwert in der Geschichte eingeräumt! Insgesamt machen die Sexszenen vielleicht acht Seiten des Romans aus. Bei einem Gesamtumfang von 240 Seiten kann man wirklich nicht davon sprechen, dass der Eros hier in irgendeiner Weise überrepräsentiert ist. Die meisten Abenteuer, die Jan Stollberg zu überstehen hat, sind nicht sexueller Natur. Aber selbst wenn dem so wäre, sähe ich darin kein Problem, denn Sexualität ist nun einmal Urquelle und Antriebsmotor des Lebens. Dass diese Quelle der Lebenslust vom Christentum auf derart gravierende Weise domestiziert und verunreinigt wurde, hat schon Nietzsche völlig zu Recht als "Kapitalverbrechen am Leben" angeprangert. Im Roman habe ich versucht, beide Seiten aufzuzeigen – sowohl die lebensbejahende Kraft der Libido als auch die lebensvergiftende, religiöse Reaktion auf die ach so dunkle Bedrohung einer freien Sexualität.

 

humanist.de: Denken Sie, mit Ihrer Schilderung des christlichen Jenseits den realen Glauben der Menschen getroffen zu haben?

 

Salomon: Den authentischen christlichen Glauben trifft die Geschichte schon, allerdings haben sich die meisten Menschen in unserer Gesellschaft bereits so weit von diesem Glauben entfernt, dass sie ihn wahrscheinlich gar nicht mehr identifizieren werden. In Anbetracht der Tatsache, dass nur noch ein marginaler Teil der Westeuropäer an die Hölle und den Teufel glaubt – im starken Kontrast übrigens zu den USA und den meisten sog. "Entwicklungsländern" – muss man festhalten, dass sich hierzulande eigentlich kaum noch jemand intellektuell redlich "Christ" nennen dürfte. Wohlgemerkt: Ohne Hölle, Teufel, Sündenfall, ewige Verdammnis etc. macht die sog. "Erlösungstat" des christlichen Messias keinerlei Sinn! Ein "Weichfilter-Christentum", das aus modischen Überlegungen heraus glaubt, ohne Teufel und Dämonen auskommen zu können, ist in etwa vergleichbar mit einem Elfmeterschießen, bei dem die gegnerische Mannschaft gar nicht antritt. Solch eine Veranstaltung kann man sich getrost schenken…

 

humanist.de: "Stollbergs Inferno" wird vom Alibri-Verlag angekündigt als "Philosophie-Thriller über die Hölle, die Revolte und das Absurde". Das erinnert an den französischen Philosophen und Schriftsteller Albert Camus, der sicherlich nicht zufällig eine der Hauptpersonen der Geschichte ist…

 

Salomon: Richtig. Trotz aller Religionskritik ist das eigentliche Thema des Romans die Frage, wie man sich der Absurdität der menschlichen Existenz stellen sollte. Wenn wir die Ergebnisse der naturwissenschaftlichen Forschung Ernst nehmen, müssen wir feststellen, dass die Menschheit allem Anschein nach nicht die gottgewollte Krone einer gut gemeinten, gut gemachten Schöpfung ist, sondern ein unbeabsichtigtes, kosmologisch unbedeutendes und vorübergehendes Randphänomen eines sinnleeren Universums. Die Frage ist, wie wir mit dieser auf den ersten Blick trostlos erscheinenden Erkenntnis umgehen. Die Religionen versuchen diese existentielle Grundsituation mit universellen Heilserzählungen zu kaschieren. Bei genauer Betrachtung können sie das Absurde jedoch nicht überwinden, sie verstärken es vielmehr, indem sie versuchen, es zu negieren. Camus sagt in meinem Roman: "Als ich noch lebte, meinte ich, dass das menschliche Leben absurd sei, weil Gott und damit ein über den Tod hinausweisender Sinn nicht existierte. Nun aber, da ich tot bin, weiß ich, dass erst die Existenz Gottes die Logik des Absurden zur Vollendung bringt!" Er und mein fiktiver Held Jan Stollberg finden ihre Identität in der Revolte gegen das Absurde. Und diese Revolte ist ungemein sinn- und glückstiftend, selbst wenn sie zum Scheitern verurteilt ist. Aus diesem Grund stellte sich Camus den ewig scheiternden Sisyphos auch als "glücklichen Menschen" vor.

 

humanist.de: Sie haben Ihrem Roman ein Glossar hinzugefügt, das über Leben, Werk, Bedeutung und das "postmortale Schicksal" der im Roman auftretenden historischen Personen informiert. Das ist für ein belletristisches Werk recht ungewöhnlich…

 

Salomon: Das ist wahr. Allerdings ist "Stollbergs Inferno" nicht nur ein Roman, sondern auch eine unterhaltsam aufbereitete Einführung in die Philosophie. Im Unterschied zu "Sophies Welt", ein Buch, das bekanntlich einen ähnlichen Anspruch verfolgt, wird im Inferno jedoch keine Weichfilterphilosophie geboten, werden die Untiefen der menschlichen Existenz nicht umschifft, sondern ganz entschieden angegangen. Das Glossar hat hierbei die Funktion, den Lesern zu helfen, sich im Wirrwarr der unterschiedlichen philosophischen und weltanschaulichen Positionen besser zurechtzufinden.

 

humanist.de: Stört Sie der hin und wieder erhobene Vorwurf, Sie würden einen "Kulturkampf" betreiben?

 

Salomon: Es kommt darauf an, was man unter "Kulturkampf" versteht. Losgelöst von den historischen Konnotationen (Kulturkampf im 19. Jahrhundert) finde ich den Begriff eigentlich sehr treffend, denn wir sollten in der Tat entschieden für eine bessere, menschengerechtere Kultur kämpfen – allerdings mit friedlichen Mitteln. Der Kampf um die Kultur sollte im rationalen Diskurs ausgetragen werden, bestimmend sollte nicht gesellschaftliche oder ökonomische Macht sein, sondern die Stärke des Arguments. Ich bin in diesem Zusammenhang gerne bereit, meine Ansichten über Bord zu werfen, wenn mir bessere präsentiert werden, erwarte das Gleiche aber auch von meinen weltanschaulichen Kontrahenten. Nur so können wir zu einer echten Kultur der "offenen Gesellschaft" vorstoßen, in der – wie Karl Popper forderte – Menschen ihre falschen Ideen sterben lassen, bevor sie selbst für falsche Ideen sterben müssen.

 

humanist.de: Nach dem "Maria-Syndrom" und "Stollbergs Inferno": Was dürfen wir in Zukunft von Ihnen erwarten?

 

Salomon: Zur Zeit arbeite ich mit dem Autor Carsten Frerk ("Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland") an einem "Lexikon für freie Geister", das auf vergnüglich-böse, aber auch informative Weise die Überreste der "Kirche im Kopf" auf die Schippe nimmt. Außerdem möchte ich meine gesammelten Aufsätze und Vorträge zur Religions- und Ideologiekritik herausgeben. Wenn das geschehen ist, denke ich, eigentlich das Wesentliche gesagt zu haben, was von meiner Seite aus zum Thema "Religion" zu sagen ist. Ich möchte mich deshalb in Zukunft verstärkt anderen Themen zuwenden, beispielsweise der Frage, was es bedeutet, in einer Welt zu leben, die (wie die unsere) zu einem globalen Supermarkt mutiert ist. Das ist ein lohnendes, aber auch schwieriges Thema, denn im Unterschied zu den Religionen, deren Kriminalgeschichte relativ leicht zu rekonstruieren ist, gelang dem postmodernen Casinokapitalismus das "perfekte Verbrechen": Millionen von Opfer, ermordet durch die "unsichtbare Hand des Marktes"…

 

humanist.de: Wird man in näherer Zukunft auch etwas vom bislang verbotenen "Maria-Syndrom" zu hören bekommen?

 

Salomon: Nun, wenn der Verkauf des Romans reibungslos vonstatten geht, möchte ich im Sommer 2004 – zum 10-Jahresjubiläum des Verbots! – endlich die Musik zum "Maria-Syndrom" auf den Markt bringen. Mit welcher Begründung sollte auch das "Maria-Syndrom" weiterhin verboten bleiben, wenn der weit kritischere Inferno-Roman in jeder Buchhandlung erhältlich ist? Ohnehin reizt es mich sehr, mich in Zukunft wieder stärker in musikalischen Gefilden zu bewegen. Seit einiger Zeit arbeite ich u.a. mit den ehemaligen Musikern von "Guildo Horn & Die orthopädischen Strümpfen" zusammen. Ich hoffe, dass es uns gelingt, im nächsten Jahr den schon lange angekündigten Longplayer unserer Formation "SALOMON" fertig zu stellen. Dann wird sich zeigen, ob subversive Titel wie "Krank wie das System!" oder "Frieden um jeden Preis!" in unseren postmodernen Zeiten Abnehmer finden. Die Verantwortlichen der großen Schallplattenfirmen waren da bisher sehr skeptisch, aber ich denke, die Zeiten ändern sich…

 

humanist.de: Herr Salomon, vielen Dank für das Gespräch!

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Stollbergs Inferno, Alibri Verlag

Das Buch: Stollbergs Inferno. Roman.
Alibri-Verlag, Aschaffenburg 2003.
ISBN: 3-932710-49-5
240 Seiten
Euro 16,-

 

Der Autor: M.S.Salomon, Jahrgang 1967, ist Doktor der Philosophie und verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift MIZ. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit (u.a. als Dozent an der Universität Trier) trat er als Komponist, Musiker und Texter in Erscheinung. 1994 wurde die Uraufführung seines Musicals "Das Maria-Syndrom" unter Verwendung des sog. "Gotteslästerungsparagraphen" 166 StGB verboten. Sein Buch Erkenntnis aus Engagement erschien 1999 bei Alibri. (Weitere Informationen zum Autor: www.schmidt-salomon.de). 

 


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