Der Humanist: Der Menschheit verpflichtet

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 10. März 2000 · Kultur: Medientipps & mehr: Update

Vorschau der TV- und Radiotipps bis zum 17. März, aktuelle Hinweise im Diskussionsforum.

Der Sonntag steht ganz im Zeichen des lange angekündigten großen Bußaktes "Mea Culpa". U.a. berichten Phoenix (11.30 Uhr) und der SWR (16.30 Uhr) darüber, wenn Papst Johannes Paul II. die katholische Kirche zur größten Verbrecherorganisation aller Zeiten erklärt ... Nein, so wird er es natürlich nicht ausdrücken, aber die Summe der Verbrechen, die er aufzählt, soll gewaltig sein.

Und damit das Schuldbekenntnis auch nicht etwa falsch verstanden wird, hat eine vatikanische Kommission um Kardinal Ratzinger wenige Tage vor der Papst-Bitte um Vergebung eine "Interpretationshilfe" herausgegeben. Das Dokument bietet denn auch eine theologische Analyse, wer überhaupt ein Schuldbekenntnis für jene Christen, die in der Geschichte gefehlt haben, sprechen darf - der Papst und eventuell Ortsbischöfe, also nur die Hierarchie. Nicht, dass so ein kleiner Pfarrer meint, er dürfte jetzt auch die Verbrechen von der Kanzel herunter bekennen! Außerdem erklärt das Dokument, welche Bedeutung das Schuldbekenntnis für das katholische Kirchenverständnis hat oder auch nicht hat: Dass nämlich die Kirche aus theologischer Sicht unverändert eine heilige Institution ist, auch wenn sich deren "Söhne und Töchter" versündigt haben. Die Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittenfragen werde durch Fehlverhalten in der Kirche nicht in Frage gestellt. Rom warnt gar vor einer Inflation der Entschuldigungen. Ein "Zerrbild der Kirchengeschichte als einer einzigen chronique scandaleuse" sei unbedingt zu vermeiden.

Und wenn man schon Schuld bekennt, warnt man auch gleich vor einem Missbrauch. Der drohe vor allem durch "Kirchenhasser" oder die Massenmedien, "die oft die Aufmerksamkeit auf Nebensächliches lenken und den Blick auf die zentrale Botschaft des kirchlichen Bekenntnisses zur historischer Schuld verstellen". Nicht zu übersehen sei, "dass sich manche Gläubige von dem kirchlichen Schuldbekenntnis vor den Kopf gestoßen fühlen... andere beobachten mit Sorge, dass das Schuldbekenntnis der Kirche sehr einseitig bleiben könnte und eingefleischte Kirchenhasser es als Bestätigung ihrer Vorurteile und als Waffe antichristlicher Propaganda missbrauchen". - Was heißt hier eigentlich "Vorurteile". Schließlich ist alles historisch erwiesen. Oder warum hat sonst der Papst dieses Bekenntnis nötig?

Aber wirkliche Aufklärung wird nicht geboten. Während manche Opfer rehabilitiert werden - einige wurden gar nachträglich heilig gesprochen und so von der Kirche vereinnahmt, Tote können sich ja nicht mehr wehren -, werden andere weiter für schuldig gehalten; im Falle des Jesuskritikers und als Ketzer verbrannten Philosophen Giordano Bruno (1548-1600) etwa wird der Vatikan von seinem Verdammungsurteil nicht abrücken. Und: Die wirklich Schuldigen der Kirche bleiben unverurteilt. Im Klartext: Konkrete Verantwortlichkeiten bleiben verschleiert, kein Mitglied der Hierarchie oder ein Papst wird beim Namen genannt.

So macht die Kirche auch in der Gegenwart weiter wie bisher. Zu nennen sei z.B. die menschenverachtende Sexualpolitik und das Mitwirken beim Massenmord in Ruanda. Und mit dem Besitz der früheren Opfer wirtschaftet die Heilige Kirche weiter und mehrt ihre Reichtümer. Ist der Ruf einmal ruiniert, sündigt's sich gänzlich ungeniert... Im nächsten Heiligen Jahr kann man ja wieder beichten. (H.J.)

[Quellen: Nordwest-Zeitung, 02.03.00, Stuttgarter Zeitung, 05.03.00]

 10. März 2000 · Kultur: Corpus Christi: Weitere Vorstellung am Montag

Nachtrag zu den Veranstaltungstipps: Irrtümerlicherweise bezeichnete ich die "Corpus Christi"-Vorstellung vom 28. Februar, die unter Polizeischutz vonstatten ging, als vorerst letzte. Fest im Spielplan des Staatstheaters Heilbronn vorgesehen ist aber auch, neben dem Termin am 13. April, noch eine am Aufführung des von Fanatikern angegriffenen Stücks am Montag, 13. März, 19.30 Uhr.

Nun treffen auch wieder neue Drohungen im Theater ein. Eine neugegründete "Hamas-Organisation" behauptet waffentechnisch hochgerüstet zu sein und eine Fernlenkrakete in Position gebracht zu haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, geht aber nicht davon aus, dass hinter dieser Drohung tatsächlich eine muslimische Gruppe steckt. Die Versuche der Gegner des Stückes werden offensichtlich immer abstruser.

Am Sonntag, den 2.4.2000 soll im Foyer des Heilbronner Theaters eine Matinee stattfinden, bei der einige dieser Briefe verlesen werden. Sicher geeignet, um sich einen Einblick in die Gedankenwelt radikaler Christen zu machen. Auszüge sind bereits auf der unten genannten Homepage des Schauspielers Percy Brauch zu lesen. (H.J.)

[Quelle: www.percybrauch.de]

 8. März 2000 · Kultur: Veranstaltungshinweise: Update

Seit November läuft am Staatstheater Heilbronn das Stück "Corpus Christi" des amerikanischen Dramatikers Terrence McNally. Von Anfang an haben fundamentalistische, bibeltreue Christen Front gegen das Theater und die Schauspieler gemacht - oft ohne das Stück überhaupt angesehen zu haben. Erzählt wird die Geschichte von Jesus Christus im modernen Rahmen einer schwulen Gemeinschaft im heutigen Amerika.

Die Schauspieler boten Diskussionsrunden an, aber die Fundamentalisten zogen Drohungen vor; der Oberbürgermeister und der Intendant müssen mit Morddrohungen leben. Das Theater wurde mit Briefen überschüttet. Religiöse Fanatiker aus dem ganzen Bundesgebiet fordern die Absetzung von "Corpus Christi", das übrigens aufgrund der Medienresonanz immer ausverkauft ist und somit weitere Aufführungen in den Spielplan aufgenommen wurden. Die Gegner des Stückes hatten also das Gegenteil erreicht.

Am 24. Februar kam die Auseinandersetzung um "Corpus Christi" zu einem unrühmlichen Höhepunkt. Es ging eine anonyme Bombendrohung gegen das Theater bei der Polizei ein und die laufende Vorstellung musste abgebrochen werden. "Es ist traurig, dass es zu dieser tumben Form der Gewaltausübung kam, erschütternd, dass radikale Menschen unter dem Deckmantel 'Christentum' zu solchen freiheitsfeindlichen Mitteln greifen. Uns bleibt in meinen Augen nur eines: Weiterspielen! Solchen Kräften darf nicht nachgegeben werden." So äußert sich der Schauspieler Percy Brauch.

Die nächste und vorerst letzte Aufführung am 28. Februar ging unter massivem Polizeischutz über die Bühne. Die Zuschauer ließen sich aber nicht abschrecken. Es wird noch eine Vorstellung am 13.04.2000, und, wenn die Nachfrage so hoch bleibt, eine weitere im Mai stattfinden.

Weitere Informationen zu den Vorgängen um "Corpus Christi" finden sich nicht nur in unseren Veranstaltungstipps, sondern auch auf der Homepage des Schauspielers Percy Brauch. Aufgrund der extremen Zuspitzung der Situation in den letzten Tagen bittet Percy Brauch alle Interessierten, sich mit dem Schauspielteam solidarisch zu zeigen und ihm diesbezüglich eine Mail zu schicken: mail@percybrauch.de.

Genaue Uhrzeiten und Veranstaltungsorte dieser und anderer Hinweise finden sich in unseren Veranstaltungstipps. (H.J. )

 6. März 2000 · Kultur: Historische Tradition?

Alle Jahre wieder versuchen am Rosenmontag sogenannte Gänsereiter im Ruhrgebiet (Bochum/Wattenscheid) vom Pferderücken aus einen mit Mayonnaise und Schmierseife eingeriebenen Gänsehals zu greifen und den Kopf der Gans abzureißen. Wem dieses gelingt, der ist für ein Jahr "Gänsereiter-König".

Dieses grausige Schauspiel, gegen das TierrechtlerInnen seit Jahren protestieren, wird der Bevölkerung, die johlend am Rand der Reiterstrecke steht, als Tradition verkauft. Was nicht erzählt wird: Dass das Gänsereiten ein Musterbeispiel für die Verrohung des Menschen ist, für die Verhöhnung von Lebewesen. Hier wird Gewalt gegen Tiere verharmlost und ein primitives Gauditum auf der Basis von Lebensverachtung gepflegt. Sogar Kinder werden zu dieser widerwärtigen Unsitte herangezogen. Was sollen sie von diesem Brauchtum lernen - ausser die Achtung vor mitfühlenden Lebewesen zu verlieren?
Die Gänsereiter rechtfertigen ihr Treiben damit, daß die Gans später gegessen wird. Abgesehen davon, daß das Töten eines Tieres, um es aufzuessen, bei manchen Menschen (Vegetariern) aus ethischen Gründen nicht zu rechtfertigen ist, ist die Ernährung kein Freibrief für die vorherige Leichenfledderei. Es geht nicht darum, den Menschen ihren Spass zu nehmen. Aber wenn Männer ihre Kraft und Geschicklichkeit messen wollen, dann müssen dafür nicht "unschuldige" Tiere ihren Kopf hinhalten. (H.F.)

[www.tierbefreier.de]

 3. März 2000 · Kultur: Das Fernsehen als Volksaufklärer

Während noch alles über die kulturellen Konsequenzen des jüngsten holländischen TV-Käse-Exports Big Brother grübelt, stellen wir bereits jetzt die zu erwartenden Nachahmungstäter vor. In den letzten 100 Tagen haben wir 10 TV-Produzenten in ein finsteres Verlies eingeschlossen und sie gebeten, uns neue Entwürfe für zukunftige Medien-Großereignisse la BB zu liefern. Die Ergebnisse:


Big Mother: 10 Kinder im Vorschulalter und eine alleinerziehende Mutter müssen es auf 50 qm miteinander aushalten. Ohne Kindergeld. Ohne Babysitter. Ohne erzieherische Maßnahmen. Es winkt eine Gratis-Einweisung in die Psychiatrie.

Big Father: Wie sieht es im Alltag der typischen sizilianischen "Familie" aus? Der Gewinner erhält einen hohen Posten in der nächsten Regierung, die Verlierer kommen mit einem Todeskuß davon. Alternatives Sendekonzept: 10 Kardinäle müssen unter der Aufsicht eines Papstes ihre sexuellen Triebe kontrollieren (gilt als unrealisierbar). Sowie: Live-Übertragung aus dem Beichtstuhl (Untertitel: "Die erschreckenden Bekenntnisse verdorbener junger Mädchen").

Big Blather: Die einzige Talkshow-Moderatoren-WG im deutschen Fernsehen. Mit Dolby-Surround-Sound für sinnentleertes Gelaber aus allen Richtungen. Leider ließen sich keine Teilnehmer mehr finden, nachdem Ricky Harris angekündigt hatte, er werde auf jeden Fall dabei sein.

Big Bother: Zehn Durchschnittsmenschen müssen sich die komplette Wiederholung der Lindenstraße anschauen. Wer als letzter umfällt, bekommt alle Folgen auf Video.

Big Brothel: Zehn ausgewählte Nutten und Hugo Egon Balder als Zuhälter. Live aus der Herbertstraße in Hamburg. Nur im Pay-TV. Nicht zu verwechseln mit Big Blothel, der chinesischen Version von BB.

Big Dozer: Der Alltag auf einer typischen deutschen Baustelle. Werden sich die deutschen Standortverteidiger gegen gewiefte ausländische Billiglohnarbeiter zur Wehr setzen können? Im Internet gibt es die 24h-Live-Übertragung aus dem Dixie-Klo.

Big Blowjob: Vier Präsidentschaftsanwärter und eine Praktikantin – kann das gut gehen? Aus Jugendschutzgründen ist eine Genehmigung unwahrscheinlich.

Big Sister: Ein "kleiner Scheißer" und zehn hinterhältige große Schwestern, die sich lustige Streiche ausdenken. Darf wegen besonderer seelischer Grausamkeit nur vormittags ausgestrahlt werden.

Big Dada: Big Brother meets Teletubbies. Die Quizshow für TV-Geschädigte (die einzige Show, die von einem spechenden Staubsauger moderiert wird). Der Gewinner kriegt Pinke-Pinke, für die Verlierer heißt es Winke-Winke.

Nach eingehender Prüfung haben wir beschlossen, bis auf weiteres keinen der TV-Produzenten freizulassen. Außerdem haben wir die Zahl der Wärter vorsichtshalber verdoppelt. (EMÖ)

 3. März 2000 · Kultur: Medientipps & mehr: Update

Vorschau der TV- und Radiotipps bis zum 10. März, aktuelle Hinweise im Diskussionsforum.

Am Dienstag widmet sich ARTE um 20.45 Uhr mit der Dokumentation "Schnitt ins Leben - Afrikanerinnen bekämpfen ein Ritual" der menschenverachtenden Genitalverstümmelung an jungen Mädchen und Frauen.

Seit die Medien dieses Thema vermehrt aufgreifen und viele Organisationen die alte Tradition bekämpfen, können erste Erfolge verzeichnet werden. So konnte im Senegal durch Aufklärungskampagnen und Bildungsprogramme, gefördert u.a. von Unicef, erreicht werden, dass 300 Dörfer in einer gemeinsamen Erklärung Abschied von der Beschneidung nahmen.

Zur Sendung: Weibliche Beschneidung, Verstümmelung der Genitalien - und das nicht nur im 'finsteren Afrika' und anderen entlegenen Gegenden der Dritten Welt. An über 2 Millionen Mädchen weltweit wird jährlich das blutige Ritual vollzogen; Amnesty international schätzt die Zahl der Opfer auf rund 135 Millionen. Doch was hilft die Empörung den Betroffenen? "Wir wollen nicht als Opfer gelten, wir wollen uns selbst vertreten", sagt Virginia Wangare-Greiner, die in Frankfurt/M. mit anderen zusammen MAISHA gegründet hat; einen Verein von Afrikanerinnen für Afrikanerinnen. "Wir afrikanischen Frauen müssen uns selbst wehren", weiß auch Maguette M'Bow, eine Senegalesin, die mit ihren Töchtern in Paris lebt.

Weitere Links zum Thema bietet die Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) auf ihrer Homepage. (H.J.)

 3. März 2000 · Netzwelt: Software-Tips

Ohne daraus eine regelmäßige Rubrik machen zu wollen, hier ein paar Computer-Programme, die mir in den letzten Monaten positiv aufgefallen sind. Ein Klick auf den Namen führt jeweils zur Homepage (neues Fenster). Sofern nichts anderes dabeisteht, handelt es sich um Windows-Software.

Bei Interesse Fortsetzung! (EMÖ)

 1. März 2000 · Wissenschaft: "Origins of Violence": Neues Design

Unser meistbesuchtes Projekt, The Origins of Violence, hat ein neues Design. Neue Texte werden in Kürze hinzugefügt. Siehe Wissenschaft: Origins of Violence. (EMÖ)

 28. Februar 2000 · Wissenschaft: Legalisierung des Schwangerschaftsabbruches senkt Kriminalitätsrate

Evident geht seit acht Jahren in den USA die Kriminalität stetig zurück, und seither tobt ein "Glaubenskrieg" um die Ursachen. Je nach ideologischer Fasson wird auf die stärkere Polizeipräsenz auf den Straßen, die Politik der "Nulltoleranz" gegenüber Delinquenten, die immens hohe Zahl der Inhaftierten (siehe Humanist-News-Meldung vom 26.02.2000), das Abflauen der Drogenepidemie oder auf den anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung samt "Jobwunder" verwiesen. Zwei us-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler meinen jetzt, entscheidend sei ein ganz anderer Faktor, nämlich die Legalisierung der Abtreibung durch den obersten Gerichtshof im Jahr 1973.

Steven Levitt von der Universität von Chicago und John Donohue von der Yale-Universität verweisen in ihrer bevölkerungsstatistischen Studie auf das Faktum, dass Verbrechen - weltweit - vorwiegend von jungen Männern im Alter von 18 bis 24 Jahren begangen werden. Die Kinder der ersten Generation, die unter dem liberalisierten Abtreibungsrecht geboren wurden, feierten 1992 ihren 18. Geburtstag - und just in diesem Jahr knickte die amerikanische Kriminalitätskurve ab.

Junge Amerikaner der Geburtsjahrgänge 1973 und aufwärts werden demnach seltener kriminell als frühere Generationen. In New York, Washington, Alaska und Hawaii - jenen US-Bundesstaaten, die Abtreibungen schon vor 1973 erleichtert hatten - erreichte auch die Verbrechenskurve bereits ein paar Jahre vor dem magischen Datum 1992 ihren Wendepunkt, was die beiden Wissenschaftler als Bestätigung ihrer These werten.
Levitt und Donohue führen den Kriminalitätsknick darauf zurück, dass weniger "unerwünschte" Kinder geboren würden, seitdem es Müttern gestattet sei, eine ungewollte Schwangerschaft zu unterbrechen. Aus Längsschnittstudien weiß man, dass Kinder, deren Zeugung nicht geplant war, oft einen schwierigeren Start ins Leben haben. Schon im Mutterleib haben manche dieser Kinder eine"ungünstigere" Umwelt.

Amerikanische Mediziner stellten 1995 in einer Studie fest, dass ungeplant schwanger gewordene Frauen weniger Rücksicht auf den Fötus nehmen als andere werdende Mütter. Sie greifen zum Beispiel häufiger zu Alkohol und Zigaretten. Andere Untersuchungen zeigten, dass unerwünschte Kinder überdurchschnittlich häufig in sozialer und "geistiger" Armut und so genannten "unsicheren Familienverhältnissen" aufwachsen. Häufiger als andere Kinder werden sie daheim geschlagen und lieblos behandelt.
Um es letztlich auf einen Nenner zu bringen: Weniger ungewollte und nicht geliebte Kinder, weniger Straftaten. (H.F.)

[Psychologie Heute, Das Magazin für Leib & Seele, März 2000]

 26. Februar 2000 · Politik: 2.000.000 Amerikaner im Gefängnis

Die Bevölkerung der USA macht 5 % der Weltbevölkerung aus und stellt 25 % aller Gefängnisinsassen. Damit ist der Anteil von Gefangenen an der Gesamtbevölkerung größer als in irgendeinem anderen Land. Einer Untersuchung des "Justice Policy Institute" zufolge gab es um den 15. Februar einen traurigen Rekord: Die Zahl der Gefangenen hat erstmals die 2-Millionen-Marke überschritten. Die "Libertarian Party" berichtete in einer Pressemitteilung:

Als ein Ergebnis des "War on Drugs", der Kampf gegen die Drogen und ihre Benutzer, hat sich in den USA eine massive Gefängnisindustrie entwickelt. Diese Milliardenindustrie beschäftigt mehr als 523.000 Menschen und ist damit der zweitgrößte Arbeitgeber in den USA nach General Motors. 5 % des Bevölkerungszuwachses in ländlichen Gebieten zwischen 1980 und 1990 waren das Ergebnis von Gefangenentransporten.

Mit einer vernünftigen Drogenpolitik ließen sich jedes Jahr zweistellige Milliardenbeträge sparen, aber die korrupte Regierung macht lieber Deals mit den Drogenbossen, auch um die Bevölkerung von sozialen Problemen abzulenken. Hätte man das Geld, was man in den letzten Jahrzehnten im Drogenkrieg verschwendet hat, sinnvoll investiert, wäre mittlerweile wohl jeder relevante Himmelskörper unseres Sonnensystems erforscht, es gäbe Kolonien auf dem Mars und ein gigantisches SETI-Programm, von der Beseitigung des Welthungers ganz zu schweigen. (EMÖ)

[Quellen: The Guardian (UK), Justice Policy Institute, Pressemitteilung der Libertarian Party]

 26. Februar 2000 · Religion: Gesunder Glaube?

Wer glaubt, lebt gesünder. Diese Meinung vertraten in den vergangenen Jahren insbesondere amerikanische Gesundheitsforscher. Wie nun das Fachblatt Social Science and Medicine aktuell berichtet, zeigen Befunde englischer Mediziner gegenteilige Ergebnisse.
In einer Langzeitstudie untersuchten die Mediziner bei 250 Patienten - die in Londoner Kliniken eingeliefert wurden - neben dem medizinischen Genesungsprozess auch deren spirituelle Einstellung. Der "Einlieferungsbefund", dass die besonders schwer Erkrankten deutlich weniger religiös eingestellt waren, bestätigte zunächst die o.g. These von Religiosität als scheinbaren medizinischem Schutzfaktor.

Allerdings zeigte sich dann im weiteren Heilungsprozess, dass die stark gläubigen Patienten insgesamt sehr viel schlechter gesundeten als die so genannten "Atheisten". Nach neun Monaten war der medizinisch feststellbare Gesundheitszustand der Nichtgläubigen fast dreifach positiver. Was jedoch noch wichtiger erscheint, ist, dass es bei den Religiösen zeitgleich deutlich häufiger zu Verschlechterungen kam. Beide Befunde sind hochsignifikant und widersprechen evident der Überzeugung, dass Religiosität allgemein gesundheitsförderlich wirke.

Über die Ursachen gibt es von den Gesundheitsforschern lediglich, hier nicht zitierte, Vermutungen.

Man kann jedoch annehmen, dass es den Gläubigen im weiteren Heilungsverlauf doch noch dämmerte, dass sie ihr Gott jämmerlich im Stich gelassen hat. Diese geistige Erkenntnis behinderte dann geradezu den Gesundungsverlauf. Der Nichtgläubige dagegen setzte von Anfang an auf die Kraft seiner selbst, auf die so genannte Selbstwirksamkeit. (H.F.)

[Psychologie Heute, Das Magazin für Leib & Seele, März 2000]

 25. Februar 2000 · Kultur: Medientipps & mehr: Update

Vorschau der TV- und Radiotipps bis zum 3. März, aktuelle Hinweise im Diskussionsforum.

Am Donnerstag bringt ARTE ab 20.45 Uhr einen Themenabend zum "Abschied vom Gottesstaat - Iran heute". Gut zwei Jahrzehnte ist es her, dass die Islamische Revolution unter Führung Ayatollah Khomeinis die persische Monarchie hinwegfegte. Fortan hatten die Mullahs das Sagen in Teheran. Nach dem eindrucksvoll hohen Sieg der Reformkräfte bei den letzten Wahlen hoffen viele auf eine stärkere Trennung von Staat und Religion. Zu viel darf man allerdings nicht erwarten, denn auch die Gemäßigten sind Geistliche.

Aufgrund der Verhältnisse im Iran kam es kürzlich in Deutschland zu schockierendem Verhalten in der Nürnberger Ausländerbehörde: Die 39-jährige Laleh Saadat hat eine Illusion verloren. Als sie vor drei Jahren aus dem Iran nach Deutschland flüchtete, hatte sie die Hoffnung auf ein "selbstbestimmtes, menschenwürdiges Leben als Frau". Nun hat sie auch diese Hoffnung verloren. Verantwortlich dafür macht sie die Nürnberger Ausländerbehörde, die von ihr und vier anderen iranischen Frauen ein Passfoto mit Schleier verlangt. Dabei hatte Laleh Saadat, die im Iran drei Jahre wegen politischer Betätigung im Gefängnis saß und trotzdem keine Anerkennung als politischer Flüchtling in Deutschland fand, noch Glück. Sie wurde nicht, wie Anfang November ihre 28-jährige Freundin Roya Mosayebi, mit Polizeigewalt zu diesem Foto gezwungen. Nachdem dieser Fall bekannt geworden war - die Frau erlitt erhebliche Körperverletzungen -, hatte das Ausländeramt Nürnberg erst einmal davon Abstand genommen, den anderen Frauen die gleiche Prozedur zuzumuten.

Für die Abschiebung in den Iran ist ein Heimreiseschein erforderlich, ausgestellt von der iranischen Auslandsvertretung. Dort werden jedoch nur Lichtbilder von Kopftuch tragenden Frauen akzeptiert. In Bremen ist ein Fall bekannt geworden, wo Passfotos unverschleierter Frauen am Computer nachbearbeitet wurden, dass sie anschließend ein Kopftuch aufhatten.

Für Laleh Saadat bedeutet der Schleier ein Symbol für die Unterdrückung der Frauen im Iran. "Wir haben dort nicht einmal die primitivsten Rechte für ein Leben in Menschenwürde." Laleh Saadat und Roya Mosayebi, die nie wieder ein Kopftuch tragen wollen, brachten ihren Fall vor das Verwaltungsgericht Ansbach. Das sollte die Fotoaktion für unrechtmäßig erklären, weil das Tragen eines Kopftuches im Iran ein religiöses Gebot sei und die Stadt Nürnberg mit ihrer Anordnung gegen die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit verstoßen habe. Doch die Richter wiesen ihre Klage zurück. Begründung: In islamischen Ländern sei der Kopftuchzwang keine religiöse Regelung, sondern ein "ordnungsrechtliches Regelwerk", das jede iranische Staatsangehörige unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit verpflichte. (H.J.)

[Quelle: taz, 3.01.2000]

 24. Februar 2000 · Religion: Die Scharia in Nigeria

Ende Januar wurde im Bundesstaat Zamfara in Nigeria das islamischen Strafrecht eingeführt. Das strenge Strafrecht sieht u.a. die Steinigung von Prostituierten und Ehebrechern vor, die Handamputation bei Dieben und die Kreuzigung von Raubmördern. Vergangene Woche wurde in Zamfara die Scharia erstmals tatsächlich angewandt. Ein 18-Jähriger war öffentlich für vorehelichen Geschlechtsverkehr ausgepeitscht worden. Die Auspeitschung des 16-jährigen Mädchens soll erfolgen, sobald es sich von einer Krankheit erholt hat. Auch andere nigerianische Bundesstaaten diskutieren die Einführung der Scharia. [1]

Während die Deutsche Evangelische Allianz, die rund 1,3 Millionen Protestanten aus Landes- und Freikirchen repräsentiert, von der Bundesregierung stärkeren Einsatz für weltweite Religionsfreiheit fordert [2], gingen zehntausend Christen in Nirgerias gemischtreligiösem Bundesstaat Kaduna auf die Straße, um für die Beibehaltung des Laizismus zu demonstrieren - eine Forderung, die immer aufkommt, sobald Christen sich in der Minderheit fühlen, ansonsten ist Laizismus natürlich verpönt.

Als drei Muslime es wagten, die Demonstranten zu stören, wurden sie von der Menge kurzerhand erschlagen. In den darauffolgenden Straßenschlachten zwischen Christen und Moslems gab es mindesten 25 Todesopfer. [1] (H.J.)

[1] Stuttgarter Zeitung online, 24.02.00
[2] idea online, 21.02.00

 23. Februar 2000 · Politik: Die Politik der Todesstrafe

Betty Lou Beets
Betty Lou Beets (62) soll hingerichtet werden

Am 24. Februar soll die 62jährige Betty Lou Beets wegen Mordes an zweien ihrer Ehemänner hingerichtet werden. Die Frau war in ihren Ehen jahrelang verprügelt worden und schon in ihrer Kindheit das Opfer ihres alkohohlsüchtigen Vaters. Mildernde Umstände soll es dennoch nicht geben – die "Schwarze Witwe" soll sterben. [1]

Nun ist der texanische Gouverneur George W. Bush, Jr., derzeit heißester Anwärter auf den Präsidentenposten, in einer Zwickmühle, die eher strategischer als moralischer Natur ist: Was bringt ihm wohl mehr Stimmen, wenn er die Frau hinrichten läßt, oder wenn er sie im letzten Moment begnadigt? Üblicherweise sind Hinrichtungen ein gutes Mittel zum Stimmenfang – auch Bill Clinton heizte 1992 mit der Hinrichtung von Ricky Ray Rector, einem Geisteskranken, der nicht verstand, was um ihn herum passierte, seinen Wahlkampf an. Daß Beets eine alte Frau (und Urgroßmutter) ist ändert die Situation ein wenig, aber es darf bezweifelt werden, daß Bushs Verstand zu derlei Abstraktionen fähig ist. Und die Medien, die den Fall entweder ignorieren oder Beets' Morde im Detail schildern und sie in Schlagzeilen als "Schwarze Witwe" bezeichnen, machen ihm die Entscheidung gerne leichter.

Mit der Todesstrafe hat Junior jedenfalls Erfahrung: Von 117 Hinrichtungsvollmachten hat er alle bis auf eine unterschrieben, wobei er nach Auskunft seiner Mitarbeiter in der Regel 15 Minuten brauchte, um seine Entscheidung zu treffen. Unter den Getöteten waren auch Geisteskranke und zur Tatzeit Jugendliche. [2] Im Zweifelsfall kann sich Bush ja immer auf die nächsthöchste Autorität nach ihm selbst berufen. Mehr dazu in unserem Text "Die Religion der Todesstrafe" (siehe Religion:Texte). (EMÖ)

[1] ABC News, 22.2.2000
[2] The Oregonian, Leserbrief von Douglas Hintz, 20.2.2000

 23. Februar 2000 · Religion: Tödlicher Wahn

"We need to get what God has tried to teach us back in our hearts whether you're a Christian or not..." – Organisator einer Demonstration für die öffentliche Aushängung der Zehn Gebote im Interview mit der New York Times [2]

Am Dienstag vergangener Woche tötete der Familienvater Raymond Wood aus Warrensburg, USA, seine Ehefrau Tina (31), sowie die Söhne Jared (10) und Joshua (8) und die beiden Töchter Emily (7) und Hannah (5). Der Mann war in seinem Heimatort Anchorage, Alaska, bereits in psychiatrischer Behandlung gewesen. "Er stand die meiste Zeit unter Medikamenten und glaubte, er habe Gott kontaktiert. Einmal glaubte er, er wäre Gott", so Woods Bekannte Sharon Warrick.

Doch Freunden und Nachbarn fiel nichts an dem Mann auf. Er spielte oft liebevoll mit seinen Kindern und war ein sehr religiöser Mensch. Das Ehepaar wurde Mitglied einer Restaurationskirche, ein Ableger der "Reorganized Church of Jesus Christ of Latter Day Saints". Die Familie war laut Auskunft von Pastor Dale Jenkins jeden Sonntag in der Kirche, und eine Bekannte der Woods berichtete, daß die Familie jeden Abend zusammen spielte und aus der Bibel las.

Der psychisch Kranke, der regelmäßig Antidepressiva nehmen mußte, um plötzliche Stimmungsumschwünge zu kontrollieren, wurde zum Mörder an seiner Familie, die er sicherlich aufrichtig liebte. [1] Wie konnte es dazu kommen?

Offensichtlich hat Raymond Wood in seinen religiösen Aktivitäten eine gesellschaftlich anerkannte Projektion seiner psychischen Krankheit gefunden. Wer im Gottesdienst schon einmal in Ekstase ausbricht und die Bibel für das Werk eines allmächtigen Gottes hält, gilt in den USA schließlich nicht als geisteskrank, sondern als anständiger Bürger. Der Massenmord hatte vermutlich neurophysiologische Ursachen, aber die gesellschaftlich anerkannte Geisteskrankheit Religion erschwerte offenbar deren Früherkennung.

Derweil wurde im Senat von Indiana ein Gesetz verabschiedet, das es Rathäusern, Gerichten und Schulen erlaubt, die Zehn Gebote auszuhängen. Damit soll die "Werteentwicklung" bei Kindern und Erwachsenen gefördert werden. Obwohl zur rechtlichen Absicherung im Sinne der US-Verfassung die Aushängung zusammen mit anderen "weltlichen Dokumenten" notwendig sein könnte, beweist ein ähnliches Gesetz in Kentucky, was es mit der so erzielten "Trennung von Staat und Kirche" auf sich hat: Dort werden die Zehn Gebote zusammen mit einer Erklärung von Ex-Präsident Reagan zum "Jahr der Bibel" und einer Rede von Abraham Lincoln zur Bedeutsamkeit des Christentums ausgehängt, um sie zu "säkularisieren". [2]

Sollte in diesem Jahr George W. Bush, Jr., Präsident werden, könnten derartige Gesetze bundesweit durchgesetzt werden, denn seine guten Vorwahl- und Umfrage-Ergebnisse hat Bush nicht zuletzt religiösen Fundamentalisten zu verdanken, die für ihn Stimmung machen. Und Amerika wäre wieder einen großen Schritt weiter auf seinem Weg zum fundamentalistischen Gottesstaat. (EMÖ)

[1] AP, 19.2.2000
[2] American Atheist Newsletter, 8.2.2000

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